Einzelhandel
Reif für den Wandel

Die Idee, Kaufhof und Karstadt zu fusionieren, geistert schon seit Jahren durch den deutschen Einzelhandel. Dafür, dass eine „Kaufstadt“ einer „Deutschen Warenhaus AG“, von der schon frühere Vorstandsvorsitzende von Karstadt-Quelle träumten, bald Realität sein könnte, gibt es gute Gründe.
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Mit Thomas Middelhoff und Eckard Cordes sitzen keine Krämerseelen an der Spitze der deutschen Kaufhauskonzerne, sondern knallharte Strategen. Arcandor-Chef Middelhoff kommt von Bertelsmann, Metro-Chef Cordes von Daimler-Chrysler. Keiner von beiden gilt als Bedenkenträger oder Bestandsschutzwahrer, wenn es um verlustreiche oder renditeschwache Töchter geht. Als ihr Verbindungsmann fungiert Alexander Dibelius. Der Deutschland-Chef der Investmentbank Goldman Sachs hält engen Kontakt zu Cordes und berät Middelhoff beim Umbau der alten Tante Karstadt-Quelle zur Holding Arcandor.

Die Zeit ist reif für Veränderung. Die Landschaft im deutschen Handel hat sich gewandelt. Doch Karstadt und Kaufhof blieben als die K.u.k-Monarchie der deutschen Innenstädte ihrer Parole „Tausendfach alles unter einem Dach“ und ihrem Leitstern einer „goldenen Mitte“ verhaftet. Waren, welche die Kunden den Konzernen zu Zeiten des Wirtschaftswunders und der Wiedervereinigung noch aus den Regalen rissen, setzen in der Überflussgesellschaft Staub an. Den vielfältigen Interessen der Deutschen wird eine ausdifferenzierte Handelslandschaft mit Discountern und Fachhandelsketten eher gerecht.

Doch es gibt durchaus Vorbilder für erfolgreiche Kaufhauskonzepte im In- und Ausland. Galerie Lafayette in Frankreich, El Corte Inglés in Spanien und Selfridges in Großbritannien haben sich dem Wandel aktiv gestellt und konzentrieren sich heute auf das gehobene Genre. In Deutschland hat der Hamburger Outdoorspezialist Globetrotter ein Zukunftskonzept für den Sportfachhandel entwickelt. Globetrotter verkauft nicht nur Steigbügel und Drei-Lagen-Jacken wie etwa auch Karstadt-Sport, sondern bietet mit Kletterwand und Kältekammer auch Möglichkeiten zum Ausprobieren. Einkaufen wird zum Erlebnis. Und davon profitieren sogar die anonymen Verkaufskanäle von Globetrotter: Katalog und Online-Shop.

Der Wettbewerb und die Charaktere Cordes, Dibelius und Middelhoff machen eine Fusion von Karstadt und Kaufhof wahrscheinlich. Die Strategen brauchen aber auch Köpfe und Konzepte für ihre „Kaufstadt“. Denn sonst ist es wieder nur eine Frage der Zeit, bis eine deutsche Warenhaus AG ein Übernahmekandidat ist. Der Name „Kaufstadt“ müsste Programm sein: ein Kaufhaus, das in Atmosphäre und Angebot ausreichend Anreize zum Kauf setzt und den lokalen Bedürfnissen der Stadt und ihrer Bevölkerung entspricht.

Der Aufbau solcher Kaufstädte wird Investitionen in Milliardenhöhe verschlingen und Jahre dauern. Das bedeutet wohl auch eine Konzentration auf wenige Standorte. Jedes dritte der bundesweit 203 Karstadt- und Kaufhofhäuser steht daher auf dem Prüfstand. In Städten wie Düsseldorf, in denen es je zwei Filialen in fußläufiger Entfernung gibt, dürfte es sogar jedes zweite sein.

Eine Katastrophe für den deutschen Einzelhandel? Mitnichten! Eine gut sortierte und gestaltete „Kaufstadt“ ist allemal besser als mittelmäßige Kaufhofs und Karstadts Tür an Tür. Die Uniformität und Austauschbarkeit vieler Innenstädte ist in Zeiten von Filialisierung und Franchisesystemen mit Esprit, Bijou Brigitte und Douglas an jeder Ecke schon längst da. Dieses Konzept wurde von Karstadt und Kaufhof in den vergangenen Jahren häufig nur kopiert. Die Konzentration auf 100 plus x Standorte dürfte zudem die Aussicht auf längere Öffnungszeiten erhöhen.

Ob es einer „Kaufstadt“ gelingt, eine eigene Identität und innere Vielfalt zu entwickeln, wie es Globetrotter oder Galerie Lafayette vormachen, bleibt abzuwarten. Noch hüllen sich die Konzerne in Schweigen. Ob es überhaupt zu einer Fusion kommt, liegt zudem nicht nur in Middelhoffs, Cordes’ und Dibelius’ Händen, sondern auch in denen des Bundeskartellamts. Das Amt wird die Fusion nicht nach Marktanteilen beurteilen, sondern nach der lokalen Verfügbarkeit von Produktgruppen wie Bücher, Nachtwäsche und Delikatessen.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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