Empörung im Osten
17.August 2005: Stoiber Pauschalkritik

In Ostdeutschland wird die Wahl entschieden - so war es nach Meinung der Wahlforscher jedenfalls 2002, als die Ossis den in Gummistiefeln durch die Oderflut watenden Kanzler lieber mochten als seinen Herausforderer Edmund Stoiber. Um so größer ist die Überraschung, als ebendieser Stoiber in einer Wahlkampfrede plötzlich Dinge über die Ostdeutschen sagt - ganz unerhörte Dinge: Von den "Frustrierten" in Ostdeutschland ist die Rede und davon, dass die nicht erneut bestimmen dürften, wer Kanzler wird.

Unisono heißt es: Stoiber beleidigt die Ossis. Die zeigen sich allerdings in Wahlumfragen gar nicht beleidigt, jedenfalls nicht das notorisch unfrustrierte Wählerpotenzial der Union. Aber in ganz Deutschland macht sich der Eindruck breit, Stoiber arbeite gegen Merkel und überhaupt sei die Union ein zerstrittener und unprofessioneller Haufen.

Stoibers Ossi-Attacke ist nur die letzte einer ganzen Serie von Heimsuchungen, die in den ersten beiden Augustwochen auf Merkel und ihre Mannen niedergeht. Die Gewissheit der Ostdeutschen, von der Union geliebt zu werden, ist ohnehin zerstört, und zwar durch den Innenminister von Brandenburg und CDU-Präsiden Jörg Schönbohm: Dieser denkt anlässlich einer neunfachen Kindstötung in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" laut darüber nach, was die "erzwungene Proletarisierung in der DDR" mit der angeblichen stumpfen Gewaltbereitschaft weiter Teile der Bevölkerung zu tun haben könnte. Das kostet Schönbohm fast sein Amt und die CDU in Ostdeutschland tatsächlich eine Menge Sympathie.

Dabei wird in diesem Wahlkampf eigentlich erstaunlich wenig über den Osten geredet: Der Aufbau Ost ist allenfalls ein Randthema, und auch über die ostdeutsche Herkunft der Kanzlerkandidatin Angela Merkel wird viel weniger diskutiert als über die Tatsache, dass sie eine Frau ist. Da kann man ins Grübeln kommen: Offenbar wird man als Ostdeutscher nicht für repräsentativ gehalten, wenn man nicht ordentlich frustriert ist. Die Union erwägt, einen eigenen Ost-Wahlkampf aufzuziehen, um den Stoiber-Schönbohm-Schaden wieder gutzumachen. Aber dann lässt sie das lieber.

Der August hatte schon böse angefangen für die Union: Dass Merkel einem zweiten TV-Duell mit dem wiedererstandenen Medienkanzler ausweicht, und zwar ausgerechnet mit der spinnwebdünnen Ausrede, das gehe "aus Termingründen" nicht - das kommt nicht gut an. Und dann verwechselt Merkel beim Erklären der Lohnzusatzkostensenkung auch noch brutto und netto, was bekanntlich schon dem unglückseligen Ex-SPD-Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping 1994 jede Machtperspektive raubte. ms

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