Energie
In der Klemme

Die großen Energieplayer stoßen an Wachstumsgrenzen. Die privaten Ölgesellschaften müssen gegen Staatsgesellschaften antreten, die auf ihren nationalen Märkten mit attraktiven Ressourcen und Absatzpotenzialen vor Dritten geschützt werden.
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Diese Barrieren beim Marktzugang behindern profitables Wachstum. In der Regel werden in den wichtigsten Öl- und Gasförderstaaten für Ausländer nur noch Juniorpartnerschaften toleriert.

Angesichts begrenzter Wachstumsmöglichkeiten wird der Kampf um Kostenführerschaft immer härter geführt. Eine erneute Konsolidierungs- und Konzentrationsphase zeichnet sich in der internationalen Öl- und Gasindustrie ab. Hartnäckig hält sich die Spekulation, dass BP und Royal Dutch/Shell fusionieren könnten. Wenn die Öl- und Gasproduktion aufgrund schwieriger Explorationsregionen für die privaten Marktführer immer teurer wird und der Absatz mehr oder minder stagniert, müssen die Kosten durch Synergien gedrückt werden. Die letzte Fusionswelle Ende der neunziger Jahre hat aber auch deutlich gemacht, wie schwierig der Integrationsprozess mit unterschiedlichen Unternehmenskulturen zu managen ist. Noch schreckt diese Erfahrung die Großen ab.

Wachstumsprobleme kommen jedoch gleichfalls auf die führenden Energieversorger im leitungsgebundenen Geschäft zu. Insbesondere Eon und RWE können im Inland auf ihren Kernmärkten Strom und Gas nicht mehr zukaufen. Das Bundeskartellamt diagnostiziert Marktbeherrschung und stoppt externes Wachstum.

Hinzu kommt, dass die Bundesnetzagentur mit ihrer Kostenkontrolle und Anreizregelung das Netzgeschäft unattraktiver macht. Schließlich droht die EU-Kommission sogar mit Maßnahmen zur Entflechtung der Netze. Nicht nur die deutschen Marktführer, sondern auch die teilweise staatlichen Energieversorger in den übrigen EU-Staaten können allein noch im Ausland wachsen. Dort werden jedoch nationale Champions geformt und Schutzzäune gegen Ausländer errichtet.

Die deutschen Energieunternehmen haben für ihre Offensive im Ausland noch ein besonderes Handicap zu verdauen. Denn im kerntechnischen Geschäft verlieren einheimische Gesellschaften durch den nationalen Kernenergieausstieg an Know-how. Es spricht einiges dafür, dass Siemens schon bald vom französischen Nuklearpartner Areva verstoßen und der Ausstieg aus dem Joint Venture höchstens finanziell versüßt wird. Beim Engagement mit Kernenergiestrom ist für deutsche Player der Rückzug programmiert.

Angesichts spartenbezogener Wachstumsprobleme aufgrund politischer Einmischung stellt sich mittlerweile schon die Gretchenfrage, ob die seit Mitte der neunziger Jahre verstärkt eingesetzte Abkehr von Konglomeraten der Weisheit letzter Schluss war. Die Anhänger der unternehmensstrategischen Konglomerate gewinnen wieder an Boden. Bereits heute sind BASF (Chemie plus Energieproduktion) und RAG (Chemie, Kraftwerke, Immobilien) als Konglomerate positioniert.

Auf wenige Kernbereiche konzentrierte Unternehmen können nur dann wachsen, wenn nationale Märkte nicht abgeschottet werden. Darüber hinaus besitzen sie im Vergleich zu breit aufgestellten Konglomeraten weniger Risikoausgleichspotenzial. Die weltweite Diversifizierung auf der einen Seite und die Präsenz in Sparten mit unterschiedlichen Expansionsprofilen auf der anderen Seite bieten relativ stabile Wertschöpfungspotenziale.

Etablierte Energiekonzerne suchen heute bereits neue Engagements im Bereich der erneuerbaren Versorgungsquellen und bei der Entwicklung effizienterer Energienutzung. Noch sind die nationalen Märkte der regenerativen Energien oder der Wärmedämmung europaweit nicht integriert. Die fehlende Harmonisierung der staatlichen Auflagen und politischen Fördersysteme verhindert eine europaweite Optimierung in diesen Zukunftssparten. Diese Desintegration bremst vor allem international aktive Player aus dem privaten Bereich in ihrem Wachstum.

Je mehr nationale Energiegrenzen verschwinden und je stärker Ölmultis sowie Energieversorger sich breiter aufstellen, umso größer werden die Chancen für ein stabiles Wachstum. Die Wettbewerbshüter werden Großfusionen eher tolerieren, wenn der europäische Binnenmarkt auch in der Energie Gestalt annimmt. Relevant für die Beurteilung von Marktbeherrschung würden dann nicht mehr nationale, sondern europäische Strom-, Gas- und Ölmärkte.

Gerade flexible private Player können dann expandieren und sich profitabel gegen staatliche Unternehmen behaupten. Möglichst offene Märkte und breit diversifizierte Energiekonzerne mit privaten Aktionären sind Conditio sine qua non für eine dauerhaft gute Performance in der Weltwirtschaft.

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