Energie
Riskante Vision

Europaweit werden die Strommärkte immer enger. Die Marktmacht der Anbieter steigt, Experten rechnen damit, dass die Preise weiter klettern werden.
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In der Elektrizitätsproduktion existieren nur noch geringe Kapazitätsreserven. Die Rahmenbedingungen für Strominvestitionen in Deutschland und Europa sind unkalkulierbar geworden.

Weder sind die Förderbedingungen für die Mobilisierung der erneuerbaren Energien verbindlich festgelegt, noch sind die ökologischen Anforderungen für Kohlekraftwerke planbar. Vor diesem Hintergrund kommt es nicht überraschend, dass höchstwahrscheinlich gerade einmal 60 Prozent der bis 2012 in Europa ursprünglich geplanten Kraftwerksprojekte realisiert werden dürften. Die längerfristigen Perspektiven für Gaskraftwerke sehen nur dann günstig aus, wenn nicht zu viele Anbieter auf diesen CO2-armen Energieträger setzen. Der Energiemix in der Stromerzeugung muss diversifiziert werden, wenn die Gaspreisrisiken verdaubar bleiben sollen.

Unbestritten ist, dass die erneuerbaren Energien ihren Beitrag in der Elektrizitätsproduktion Deutschlands und Europas in den nächsten Jahren weiterhin kräftig erhöhen werden. Allerdings ist die politisch erhoffte Expansion des Windkraftstroms aus der deutschen Nordsee und Ostsee zumindest kurzfristig stark gefährdet. Die Offshore-Vorhaben verlangen innovatorische Durchbrüche, die sich nicht von heute auf morgen umsetzen lassen. Die Kosten unter Berücksichtigung der Leitungsinfrastrukturen könnten deutlich höher werden, als bisher veranschlagt worden ist.

In der energiepolitischen Risikoabwägung unter Einschluss der Klimaschutzvorsorge besitzen die Kernenergie und die Kohleverstromung als Optionen nach wie vor eine überragende Bedeutung. Erneuerbare Energien und Erdgas werden auch unter sehr optimistischen Annahmen gerade einmal 50 Prozent zur deutschen Stromproduktion um das Jahr 2020 herum beisteuern können, wenn die Kriterien der Wirtschaftlichkeit und Zuverlässigkeit nicht allzu sehr kleingeschrieben werden.

Die längerfristige Kernenergienutzung ist hierzulande für die Große Koalition derzeit kein konsensfähiges Thema. Die Sozialdemokraten werden sich zumindest in dieser Legislaturperiode auch nicht durch die Mehrheit im Europäischen Parlament für den Einsatz der CO2-freien Kernkraftanlagen umstimmen lassen. Um keine Engpässe in der deutschen Stromversorgung entstehen zu lassen, müssen daher rund um die Uhr neue Kohlekraftwerke gebaut werden, um die Elektrizitätserzeugung abzusichern. Damit diese Anlagen wirtschaftlich betrieben werden können, sollten kosteneffiziente Optionen in der Klimaschutzvorsorge verwirklicht werden.

Auf der einen Seite müssen die nationalen CO2-Vermeidungsziele auf internationale Reduktionsraten abgestimmt werden. Die deutsche Vorreiterrolle bei der Begrenzung klimarelevanter Emissionen darf industriepolitisch nicht überstrapaziert werden. Auf der anderen Seite ist dafür zu sorgen, dass deutsche Unternehmen auch im Ausland durch den Bau CO2-armer Anlagen kostengünstige Gutschriften mit der Möglichkeit nationaler Verrechnung erwerben können.

Weltweit werden 70 Prozent der Steinkohleproduktion heute zur Stromerzeugung eingesetzt; der globale Elektrizitätsbedarf wird damit zu 36 Prozent gedeckt. Allein die Erneuerung der älteren Kohleanlagen mit durchschnittlichen Wirkungsgraden von knapp 30 Prozent durch „State of the Art“-Technologie – schon erprobte Techniken mit Wirkungsgraden von 45 Prozent – bewirkt eine spezifische CO2-Verminderung der Kohlekraftwerke um mehr als ein Drittel. Weitere Innovationen mit der Überschreitung der 50-Prozent-Wirkungsgradgrenze sind in Sicht.

Die Option effizienterer Umwandlung ermöglicht einen relativ kostengünstigen Beitrag für eine klimaschonendere Energieversorgung. Die deutsche Energiepolitik sollte daher eine solche Umrüstung des Kraftwerksparks weltweit wie national als Baustein positiv flankieren. Längerfristig bleibt jedoch der Durchbruch für Kraftwerkskonzepte mit CO2-Abtrennung und -Speicherung Conditio sine qua non für die langfristige Nutzung der festen Brennstoffe.

Die technischen und wirtschaftlichen Perspektiven CO2-freier Kohlekraftwerke stecken derzeit allerdings noch voller Risiken. Die in Berlin und Brüssel diskutierte Weichenstellung, ab 2020 nur noch CO2-freie Kohleanlagen als Neubauprojekte zu tolerieren, ist eine höchst riskante Vision. Erst einmal müssen die Erfahrungen mit Pilotanlagen in der nächsten Dekade ausgewertet werden. Das integrierte Energie- und Klimakonzept bis zum Jahr 2020 muss ökonomisch kalkulierbare und verdaubare Aussichten für die Kohle enthalten.

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