Energie
Vorläufige Atempause

Die Ölkrise findet nicht statt. Einmal mehr hatten die Untergangspropheten Unrecht.

Weder ist der Ölpreis über 100 Dollar je Barrel geschossen, noch hat die Ölproduktion in diesem Jahr ihren Höhepunkt überschritten. Beides haben durchaus seriöse Experten vor Monaten geweissagt. Die Marktmechanismen funktionieren: Angebot und Nachfrage haben trotz des durch Spekulanten verzerrten Marktes auf Preissignale reagiert. Ölkonzerne und Ölstaaten haben investiert, die Produktion gesteigert und neue Reserven gefunden. Und die Abnehmerstaaten beginnen, wegen der hohen Kosten weniger nachzufragen.

Alles in Ordnung also? Nein, durchaus nicht. Auch wenn Experten für die kommenden Jahre mit sinkenden Preisen rechnen – die Zeiten billigen Öls dürften ein für alle Mal vorbei sein. Die Nachfrage wird hoch bleiben, wenn Länder wie China und Indien ihre wirtschaftliche Aufholjagd fortsetzen. Und es wird sich auch nichts daran ändern, dass politische Krisen den Ölpreis auch gegen die Fundamentaldaten jederzeit wieder in die Höhe treiben können. Der Löwenanteil der Reserven liegt nun einmal in Krisenregionen wie dem Nahen Osten oder befindet sich, wie in Russland, de facto in Staatshand. Die neuen Funde in Afrika oder Südamerika helfen dem Markt, verändern die Lage aber nicht grundsätzlich.

Um ihre strukturelle Erpressbarkeit zu verringern und zugleich den Klimawandel zu bekämpfen, bleibt den westlichen Industriestaaten gar nichts anderes übrig, als ihre Abhängigkeit von Öl und Gas zu reduzieren. Sinkende Energiepreise dürfen die Ansätze dazu jetzt nicht unterminieren. Im Gegenteil sollten die USA und Westeuropa die Atempause nutzen und eine Technologie-Offensive für eine umweltfreundliche Energieversorgung starten – bevor ihnen doch noch eine Ölkrise Beine macht.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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