Energiepolitik
Kein Königsweg

Der weltweite Verbrauch an Energie wird in den kommenden 15 bis 20 Jahren weiter kräftig steigen. Die Gewinne an Energieeffizienz reichen allerdings bei weitem nicht aus, um den nach wie vor überproportional wachsenden Energiebedarf in den Schwellen- und Entwicklungsländern kompensieren zu können.
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Die Welt bleibe daher konsequent auf „einer Flugbahn steigender CO2-Konzentrationen“, warnt die BP-Gruppe in London. Und dies, obwohl es einen breiten internationalen Konsens darüber gäbe, diese Entwicklung zu bremsen. Gleichzeitig drohen Kapazitätsengpässe bei den besonders begehrten Primärenergien Öl und Gas. Die Internationale Energieagentur in Paris sorgt sich deshalb darüber, dass die Gefahr der Bildung von Verkäufermärkten mit steigenden Preisen bis zum Jahr 2012 eher zunehmen als abnehmen würde. Die vor dem Hintergrund des weltweit steigenden Verbrauchs von Öl und Gas notwendige Investitionsoffensive ist gefährdet, weil in den wichtigsten Produzentenländern staatliche Gesellschaften ohne großes Know-how bei Explorationsvorhaben bevorzugt werden. Ausländische Unternehmen dürfen meist nur als Juniorpartner agieren.

Die Förderung von Kohle ist zwar in jüngster Zeit gestiegen. Doch damit ist die Energieversorgung noch CO2-intensiver geworden. Deshalb ist es einerseits notwendig, den Wirkungsgrad der Kohlekraftwerke von gerade einmal 30 Prozent in den besonders wichtigen Wachstumsregionen China, Indien und Russland auf heute schon erzielbare 40 bis 45 Prozent zu steigern. Andererseits muss es gelingen, bis zum Jahr 2020 CO2-freie Kohlekraftwerke marktreif zu entwickeln. Dabei kommt Volkswirtschaften mit einem besonders hohen Kohleverbrauch wie Deutschland und den USA eine Schlüsselrolle zu. Sowohl das technische Wissen als auch das notwendige Kapital für die Einführung dieser Techniken sind in diesen Ländern konzentriert. Auf die fossilen Energien Öl, Gas und Kohle entfielen im vergangenen Jahr 88 Prozent des weltweiten kommerziell erfassten Verbrauchs von Primärenergie. Erneuerbare Energien und Kernkraftwerke steuerten jeweils sechs Prozent bei. Beide Energieformen ermöglichen eine Verringerung der CO2-Intensität des Weltwirtschaftswachstums und müssen aus Gründen der Klimaschutzvorsorge ihre Beiträge zur Energieversorgung überdurchschnittlich steigern.

Die von CO2 freie Kernkraft sieht sich allerdings mit Akzeptanzproblemen konfrontiert. Die abgeschriebenen Altanlagen sind zwar besonders wirtschaftlich. Aber es ist eine erhöhte Vorsorge erforderlich, um Materialermüdungen rechtzeitig begegnen zu können. Zudem stellt der Bau neuer Reaktoren auf liberalisierten Strommärkten ein hohes Risiko dar, da die hohe Kapitalintensität eine lange Amortisationsdauer verursacht. Die Gefahr von gescheiterten Investitionsvorhaben im kerntechnischen Bereich ist daher groß. Das hat die Vergangenheit trotz der damaligen Strommonopole gezeigt. In Zukunft werden diese Risiken noch zunehmen. Denn auf den umkämpften Wettbewerbsmärkten müssen sich nukleare Großkraftwerke gegenüber flexiblen Anlagen auf der Basis von Erdgas und regenerativen Energiequellen mit in aller Regel wesentlich geringeren Amortisationsfristen bewähren. Gesicherte Erkenntnis ist heute, dass erneuerbare Energien als weitgehend CO2-freie Optionen die größte Wachstumsdynamik aufweisen werden. Deutschland liegt bei der Mobilisierung von Windkraft weltweit auf Rang eins. Auch bei der Entwicklung von Solarenergie und Biomasse werden im internationalen Vergleich Spitzenplätze eingenommen.

Revolutionen im Energiebereich lassen sich aber nicht kommandieren. Deshalb wird sich der noch sehr geringe Anteil erneuerbarer Energien am globalen Verbrauch von Primärenergie erst in etwa 25 bis 30 Jahren auf 15 bis 20 Prozent erhöhen. Auch die Versorgungsstrukturen der in starkem Maß von Energieimporten abhängigen Bundesrepublik Deutschland können nur schrittweise verändert werden, wenn rentable Wertschöpfungen nicht allzu sehr verdrängt werden sollen. Zur Sicherung der weltweiten Versorgung mit Energie ist eine internationale Diversifizierung der Quellen unerlässlich. Und dabei müssen alle Optionen genutzt werden. Einen Königsweg allein auf der Grundlage regenerativer Versorgungsquellen wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Dies ist weder technisch noch wirtschaftlich machbar..

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