Energieversorgung
Das Politikum Gas

Dass Russland und sein staatlich dominierter Gasgigant Gazprom Energie als politische Waffe einsetzen, ist spätestens seit den Lieferblockaden gegenüber der Ukraine und Weißrussland bekannt. Doch Russland steht damit nicht allein: Auch der Westen macht Energie mehr und mehr zum politischen Schlüsselthema.
  • 0

Unter den Stichworten Versorgungssicherheit und Diversifizierung verfolgen dabei vor allem die USA und Großbritannien eine Abschottungspolitik. So wird nicht nur Iran von Washingtons Bannstrahl getroffen. Auch europäische Unternehmen, die mit Teheran stärker ins Geschäft kommen wollen, geraten massiv unter Druck. Und jetzt blinkt auch Russland auf dem Radarschirm amerikanischer und britischer Politik. Großbritanniens scheidender Premier Tony Blair hat kürzlich die Industrie seines Landes jedenfalls unüberhörbar vor Investitionen in Russland gewarnt. Dabei spielt zweifelsohne der drohende Lizenzverlust für das gigantische Kowykta-Gasfeld des britisch-russischen Energiekonzerns TNK-BP eine Rolle. Denn Blair stand zusammen mit Kremlchef Wladimir Putin Pate bei der 7,7 Milliarden Dollar teuren Gründung des Gemeinschaftskonzerns. Blairs helfende Hand kann BP nun also nichts mehr nutzen. Doch Verweise auf Menschenrechtsprobleme und eingeschränkte Pressefreiheit in Russland klingen hohl beim Blick etwa nach Nigeria, wo westliche Ölmultis munter fördern.

Auch die USA fordern inzwischen von der EU, unabhängiger von Russlands Energielieferungen zu werden. Stark auf die USA fixierte Regierungen wie jene in Warschau werden zum Resonanzboden solcher Forderungen und wollen diese zur EU-Maxime erheben. Diese Energie-Außenpolitik wendet sich in erster Linie gegen Deutschland, das politisch und über seine Energieunternehmen ein enges Verhältnis zu Moskau gesponnen hat. Dabei ist die Rivalität in der Frage des Umgangs mit Russland mehr als rein politisch motiviert: Es geht um knallharte Wirtschaftsinteressen. Denn die Kritik von der anderen Seite des Kanals kommt just zu dem Zeitpunkt, zu dem Großbritannien vom Lieferanten von Erdgas zum Nettoimporteur wird, die Briten mehrere Terminals für Flüssiggas installieren und BP in Libyen massiv Fuß fasst. Nur einen Nachteil hat diese britische Strategie: Verflüssigtes Erdgas, ist erheblich teurer als Gas, das über Pipelines vom Förderfeld zum Verbraucher transportiert wird. Somit ergeben sich Wettbewerbsvorteile für die einst belächelten deutschen, französischen und italienischen Versorger, die sich schon seit langem mit großen langfristigen Lieferverträgen von Russland abhängig gemacht haben. Die Russland-Frage wird also zur Frage des Standorts.

Auch das Verhältnis zu Iran hat neben dem Atomstreit einen handfesten ökonomischen Hintergrund: Russland und Iran verfügen über die größten Erdgasreserven weltweit. Doch die USA haben bisher keinen Zugang zu den dortigen Gasfeldern. Und deshalb wollen sie eben auch die Europäer so weit wie möglich davon fern halten. Aber für die meisten EU-Staaten wäre ein Nachgeben ökonomisch ziemlich schmerzlich. Denn jede Alternative wäre deutlich teurer. Bleibt also die Politik: Doch ob etwa die Lage der Frauen in Saudi-Arabien tatsächlich besser ist als in Iran, darf zumindest gefragt werden. Aber gerade der enge US-Verbündete spielt im globalen Energiepoker die zentrale Rolle: Als die Saudis Ende der 80er-Jahre die Ventile voll öffneten, kollabierte nicht nur der Ölpreis, sondern in der Folge – und politisch gewollt – auch die Sowjetunion. Die gewaltigen Ölreserven der Saudis – Saudi Aramco könnte täglich drei Millionen Barrel mehr produzieren, als dies aktuell der Fall ist – könnten Russland und Iran erneut wirtschaftlich massiv unter Druck setzen.

Doch die Politisierung der Energiemärkte und die US-Politik des Bannstrahls haben eine weit reichende Folge: Sollten auf Grund des amerikanischen Drucks die Europäer von Russland abrücken oder sich aus Iran fern halten, würden diese beiden Länder nur noch intensiver in Richtung China und Indien blicken. Denn die dortigen Konzerne lechzen geradezu nach immer neuen Einstiegschancen. Und ihnen ist es gleichgültig, ob Russland, Iran oder afrikanische Energieproduzenten eine zweifelhafte Reputation haben. Peking und Delhi scheren sich jedenfalls kaum um gut oder schlecht gemeinte Ratschläge aus Washington.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Energieversorgung: Das Politikum Gas"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%