Energieversorgung: Effizienz erhöhen

Energieversorgung
Effizienz erhöhen

Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine scheint vorerst beigelegt zu sein. Man wird sich allerdings darauf einstellen müssen, dass es auch in den nächsten Jahren zu ähnlichen Situationen kommen könnte.

Zu einer vorausschauenden Energiepolitik gehört es daher, einseitige Abhängigkeiten zu verringern. Dazu gibt es vier Möglichkeiten: eine Diversifizierung der Bezugsquellen, ein Festhalten an der Kernkraft, eine deutliche Steigerung der Energieeffizienz und den Ausbau der erneuerbaren Energien. Keine dieser Möglichkeiten taugt allerdings für sich allein genommen als Allheilmittel.

Beim Gasbezug verlassen wir uns sehr auf Russland. 38 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases kommt aus russischen Quellen. Allen Prognosen zufolge dürfte dieser Anteil in den nächsten Jahren noch erheblich steigen - wenn nicht kräftig in Alternativen investiert wird. Bislang ist nicht viel geschehen. Das verwundert nicht weiter, haben doch die großen Gasimporteure ein starkes Interesse daran, ihr mit Milliardenaufwand errichtetes Gaspipelinenetz möglichst ungestört zu nutzen.

Neue Teilnehmer stehen vor hohen Marktzutrittsbarrieren. So klagt etwa der mit weitem Abstand größte norwegische Gaskonzern Statoil Hydro seit geraumer Zeit über den schweren Zugang zum deutschen Gasmarkt: Es gebe eine Reihe künstlicher Hindernisse auf dem Weg zum Endkunden. Die Norweger produzieren derzeit 26 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases. Wenn die Politik wirklich will, dass dieser Anteil steigt - und nicht die Abhängigkeit von russischem Gas -, muss sie jede Diskriminierung neuer Anbieter unterbinden. Auch verflüssigtes Erdgas aus dem Nahen Osten oder Afrika, das per Tanker bis zu einem Nord- oder Ostseehafen geliefert wird, könnte das Angebot verbreitern. Doch bislang gibt es in Deutschland nicht einmal ein Terminal zur Anlandung von Flüssiggas.

Grundsätzliches Lob verdient das Nabucco-Projekt. Mit dieser Pipeline, die von der türkischen Ostgrenze bis nach Österreich führen soll, wollen mehrere europäische Konzerne zentralasiatisches Gas nach Europa holen. Allerdings steht das Projekt unter ungewissen Vorzeichen. Bislang können die Initiatoren nicht einen einzigen Lieferanten vorweisen.

Hilft die Kernenergie bei der Steigerung der Versorgungssicherheit? Um das zu beurteilen, muss man die Potenziale der Kernkraft kurz zurechtrücken: Die Kernenergie steht für rund drei Prozent des globalen Energieverbrauchs. Will man diesen Anteil spürbar erhöhen, stößt man schnell an Grenzen. Die Internationale Energieagentur hat das im vergangenen Jahr - unfreiwillig - deutlich gemacht. Die Organisation empfahl, in den nächsten Jahren weltweit bis zu 1400 neue Kernkraftwerke zu bauen. Die Zahl ist absurd hoch. Wo sollen diese Kraftwerke entstehen? Welche Länder sind geeignet, die komplexe Sicherheitsinfrastruktur zu managen? Wo wird der Atommüll gelagert? Wie würde sich der massenhafte Zubau von Kernkraftwerken auf die Uranversorgung auswirken? Auf all diese Fragen gibt es keine schlüssigen Antworten.

Mit der Kernenergie lassen sich also die Preis-, Klima- und Bezugsprobleme in der Energieversorgung nicht weltweit und grundsätzlich lösen, aber vorübergehend entschärfen. Als Brückentechnologie haben die Kernkraftwerke ihre Berechtigung. Und zwar gerade in Deutschland. Denn hier gibt es die Sicherheitsinfrastruktur, eine gründliche behördliche Überwachung - und sogar die Möglichkeit, ein Endlager zu schaffen. In Deutschland soll der letzte Reaktor 2021 vom Netz gehen. Bis dahin sind die erneuerbaren Energien längst nicht zur tragenden Säule der Versorgung geworden. Und wer wegfallende Kernkraftkapazitäten durch Gaskraftwerke ersetzen will, erhöht die Abhängigkeit von Gasimporten weiter. Es bleibt keine Alternative dazu, die Laufzeit der Kernkraftwerke zu verlängern - bei Gegenleistungen der Betreiber.

Der wichtigste Schlüssel zur Verringerung der Abhängigkeit von Energieimporten ist zugleich der simpelste: Es muss darum gehen, die Energieeffizienz drastisch zu erhöhen. In Deutschland wird gerade beim Heizen Öl und Erdgas in schwindelerregenden Mengen verpulvert. Es ist nicht nur technisch leicht, sondern auch wirtschaftlich lohnend, hier gegenzusteuern. Ein Gebäudesanierungsprogramm sollte daher nicht das Ende aller Bestrebungen um Energieeinsparungen markieren.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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