Energieversorgung: Putin kündigt die Freundschaft

Energieversorgung
Putin kündigt die Freundschaft

Die Oper ist noch nicht einmal komponiert, da schreit der Kreml schon dazwischen. Russlands Premierminister Wladimir Putin hat unmissverständlich klargemacht, dass er alles tun wird, damit die nach Verdis Werk benannte Nabucco-Pipeline nie gebaut wird. Er begeht einen schweren Fehler. Ein Kommentar von Mathias Brüggmann.
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Die Oper ist noch nicht einmal komponiert, da schreit der Kreml schon dazwischen. Russlands Premierminister Wladimir Putin hat unmissverständlich klargemacht, dass er alles tun wird, damit die nach Verdis Werk benannte Nabucco-Pipeline nie gebaut wird. Der russische Regierungschef will nicht irgendeine Röhre sabotieren, sondern ein offizielles Projekt der Europäischen Union. Er begeht einen schweren Fehler: So handelt kein Partner, auch die Russland-Freunde im Westen sehen nun, dass Putin mit Gas Politik machen und Europa in die Abhängigkeit treiben will.

Die aggressive Opposition gegen Nabucco unterminiert den Versuch der Europäer, die reichen Gasvorkommen am Kaspischen Meer anzuzapfen und an Russland vorbei in den Westen zu pumpen. Die Leitung ist ein wichtiger Schritt, um der Umklammerung des Kremls zu entgehen. Sie schafft mehr Versorgungssicherheit für Europa. Deshalb müssen die EU und ihre Mitgliedstaaten nun alles dafür tun, dass die Pipeline gebaut wird und die potenziellen Lieferländer Irak, Iran, Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan politisch geöffnet und enger an Europa herangeführt werden.

Bislang hat sich Brüssel zu wenig um Zentralasien und den Irak gekümmert. Aserbaidschan hat wegen der Hängepartie um Nabucco gerade dem Kremlkonzern Gazprom zugesagt, seine Lieferungen nach Russland zu verdoppeln - von wo sie dann zu teuren Konditionen westwärts exportiert werden.

Für das Aus von Nabucco kämpft Putin an allen Fronten: Er bearbeitet nicht nur die Lieferländer, sondern treibt auch South Stream voran, Gazproms Leitung durch das Schwarze Meer nach Südosteuropa. Dafür spannt Putin seine Freunde in Europa ein: Bulgarien, oft als Russlands trojanisches Pferd in der EU angesehen, und Silvio Berlusconi, der Italiens Eni-Konzern nach der Zerschlagung des russischen Ölkonzerns Yukos nun auch die South-Stream-Röhre unterstützen lässt. Die Unterwasserroute durch das Schwarze Meer soll die Ukraine massiv unter Druck setzen: Sollte Kiew noch einmal gegen Moskau aufbegehren, fließen die Gasströme an der Ukraine vorbei.

Was den machthungrigen Putin treibt, ist der Wille, Moskau wieder zum Zentrum einer Weltmacht von der Größe der Sowjetunion zu machen. Dafür werden einstige Satellitenrepubliken entweder umgarnt oder unter Druck gesetzt. Putin beherrscht die Klaviatur der Macht, und Brüssel lässt ihn ungestört spielen. Man darf sich aber nicht nur über Putin beklagen. Die EU muss endlich energiereiche sowie strategisch wichtige Länder wie die Ukraine, Georgien, Aserbaidschan und Turkmenistan, den Irak und sogar auch Iran viel enger einbinden. Das ist der wichtigste Schritt zur Förderung der Energiesicherheit und letztlich der Festigung der Souveränität der EU. Russland ist unter Putin kein Freund, sondern eher ein aggressiver Rivale, der nichts von gleichberechtigter Partnerschaft hält.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Energieversorgung: Putin kündigt die Freundschaft"

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  • @bout Kommentar von Stev Bach am 19.9.2010
    Heute bin ich davon überzeugt, nach Betrachtung aller Umstände:
    Nabucco ist der falsche Weg.
    Russland als Freund haben ist gut, Russland als Feind haben sehr schlecht.
    Gerade in den Zeiten wo die VR-China immer mehr an Macht gewinnt und die US immer mehr an Macht verliert, sollte Europa sich Freunde schaffen.
    Stev Bach am 21.4.2011

  • @bge
    Sorry, hab vergessen kenntlich zu machen, dass mein untenstehender Eintrag sich auf ihren Text bezog.

  • Sie haben sicherlich nicht Unrecht, die „Sünden“ einiger imperialistischer Länder zu erwähnen, welche ihre Territorialexpansion natürlich auch häufig mit bewaffneten Mitteln durchgeführt haben. Allerdings ging es bei der Kolonialherrschaft mehr um wirtschaftliche Aspekte wie z.b. Zugang zu Rohstoffen und Handelswegen als um eigentliche Herrschaft über diese Kolonien. Obwohl es natürlich auch in den Kolonien zu bewaffneten Auseinandersetzungen kam, gab es keine vergleichbare Unterdrückung, indoktrination oder Ausrottung der Menschen dort.

    ich will die Verbrechen anderer Länder nicht kleinreden, die Geschichte der Menschheit ist voll von Kriegen und blutigen Taten. Auch die Verbrechen an indianern und Sklaven werden natürlich gerne totgeschwiegen. Keine Frage, ich will nicht behaupten, dass andere Länder „Engel“ waren.

    Was das Zarenrussland angeht, so kam es mit Sicherheit nicht „ganz“ an die Verbrechen des Sowjetsystems unter Lenin, Stalin & Co. ran. Dennoch waren Sie nicht gerade im Frieden unterwegs. Die gewaltsamen Teilung Polen-Litauens auf das eine historische Ereignis, welches Sie aufführen, zurückzuführen, halte ich für sehr banal und ist auch nicht zutreffend. Erstens muss da die Vorgeschichte genauer berücksichtigt werden (wie es dazu kam) und man sollte auch wissen, was alles so in den nächsten über 150 Jahren passiert ist. Da gab es noch eine ganze Reihe von blutigen Auseinandersetzungen mit Russland.

    Genaue Schilderungen der Verbrechen während des Zaren Russlands über viele Jahrhunderte wären buchfüllend und würden hier den Rahmen des Kommentars sprengen, deswegen will ich mich nicht darauf einlassen. Doch bücher gibt es genug dazu, die das sehr detailiert beschreiben, welche brutalen Methoden eigesetzt wurden, um eigenes Volk und andere Länder zu terrorisieren und zu unterdrücken und Aufstände blutig niederzuschlagen.
    Der große Unterschied zu den ganzen von ihnen genannten beispielen liegt allerdings darin, dass das Zarenrußland und auch die Sowjetunion große Verbrechen am eigenen Volk verübt haben. Terror, Mord und Unterwerfung waren an der Tagesordnung und machten auch nicht vor dem Machtapparat halt. Es spricht schon einiges dafür, dass es kaum einen Zaren gab, der natürlichen Todes gestorben ist. Die meisten von ihnen wurden schlichtweg ermordet (Vergiftung war eine der Lieblingsmethoden). Nennen Sie mir eine andere Nation in Europa, wo so viele Führer ermordet oder hingerichtet wurden.

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