Energieversorgung
Umdenken

Die Fusion von Gaz de France (GdF) und Suez wird den Konzentrationsprozess in der europäischen Energieversorgung erneut in Bewegung setzen.
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Staatlich dominierte Unternehmen sind auf dem Vormarsch: Russlands Gazprom, EdF und GdF/Suez aus Frankreich, die italienisch-spanische Kombination Enel/Endesa, das schwedische Unternehmen Vattenfall.

Deutschlands Marktführer Eon und RWE müssen sowohl politische Einflussnahmen als auch Neuorientierungen auf den Energiemärkten in ihren strategischen Planungen neu gewichten. Die Wechselbereitschaft der Energiekunden ist wesentlich größer geworden. Die Strom- und Gasnachfrager werden in einem aggressiven Wettbewerb umworben. Die etablierten Versorger spüren die Konsequenzen liberalisierter Märkte.

Die Newcomer profitieren davon, dass die Bundesnetzagentur die Netzentgelte reguliert und für einen Abbau der Netzzugangsbarrieren gesorgt hat. Es zeichnet sich ab, dass die Netzeigentümer ihre historischen Vorteile dauerhaft verlieren werden. Die unternehmerische Kontrolle geht in jedem Fall verloren: Entweder muss künftig ein selbstständig agierender Treuhänder für die Netze eingesetzt werden, oder die bisher vertikal integrierten Konzerne verkaufen ihre Trassen und Pipelines. Die Attraktivität des Leitungsgeschäfts ist schon stark unter Druck geraten. Die von der EU-Kommission angepeilte unternehmerische Entflechtung der Geschäftssparten Produktion, Netzbetrieb und Vertrieb erzwingt strategische Neuorientierungen. Vertikal integrierte Geschäftsmodelle gehören damit der Vergangenheit an.

Hinzu kommt, dass durch verschärfte ordnungsrechtliche Wärmedämmvorschriften und durch staatliche Quotenauflagen zugunsten des Einsatzes der regenerativen Versorgungsquellen die bereits schwächer gewordenen Stromverbrauchszuwächse hierzulande weiter abgeschmolzen werden. Das Erdgas bekommt härtere Konkurrenz durch politisch stärker geförderte Fernwärme.

Die Bundesregierung will die Entwicklung der Energienachfrage vom Wirtschaftswachstum abkoppeln. Der Kampf um Marktanteile wird angesichts eines kleiner werdenden Energiekuchens somit immer härter. Angesichts der wachsenden Wechselbereitschaft positionieren sich die führenden Konzerne bundesweit und intensivieren in den eigenen Vertriebskanälen den Konkurrenzkampf. Nach der Abgabe der Netzaktivitäten werden die führenden Energiekonzerne Schwerpunkte in der Produktion suchen. Die Spitzenmanager müssen ihre Kraftwerksstrukturen neu optimieren, wenn sie die politischen Forderungen nach einer massiven Begrenzung der CO2-Emissionen erfüllen wollen. Die Chefs von Eon und Vattenfall haben versprochen, dass die CO2-Emissionsmengen ihrer Anlagen bis zum Jahr 2030 gegenüber 1990 halbiert werden sollen. Diese Aussagen gelten für den gesamten Kraftwerkspark. Da in Deutschland die CO2-freien Kernkraftwerke stillgelegt werden müssen, vergrößern sich die Umrüstungserfordernisse noch zusätzlich.

Der Strukturwandel wird sowohl zu neuen Erzeugungsstrukturen führen als auch Standortverlagerungen zur Folge haben. Gemeinsame Zielsetzung der Konzerne ist ein breiter Energiemix, der die fossilen, nuklearen und regenerativen Energieoptionen umfassen soll. Neue Kernkraftwerke werden im Ausland gebaut; dort wollen sich deutsche Versorger dann beteiligen. Am Konzept eines CO2-freien Kohlekraftwerks wird hierzulande gearbeitet; dieser Kohlestrom verteuert sich aber gewaltig. Die Chancen CO2-armer Gasanlagen sehen günstig aus; doch müssen die nationalen Energieunternehmen ihre Bezugsquellen diversifizieren, um einseitigen Abhängigkeiten von Russland vorzubeugen. Statt russischem Pipelinegas kommt verflüssigtem Erdgas wachsende Bedeutung zu. In Wilhelmshaven ist ein LNG (Liquefied Natural Gas)-Terminal geplant.

Die aussichtsreichste Option für den Strukturwandel in Richtung eines CO2-armen Stromerzeugungsmix bietet jedoch der Einsatz der erneuerbaren Energien auf breiter Basis. Deutschlands führende Player wollen dieses Geschäftsfeld international ausbauen. Weltweit prüft die deutsche Energiebranche Investitionen in Klimaschutzprojekte, um durch kostengünstige CO2-Gutschriften im Ausland Emissionszertifikate für heimische Anlagen zu gewinnen. Die Bewährung deutscher Konzerne kann allerdings nur gelingen, wenn der Europäische Binnenmarkt ohne Integrationshemmnisse geschaffen wird. Hier ist die EU-Kommission gefordert, um Privilegien für staatliche Gesellschaften zu beseitigen.

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