Entführung im Irak
Leichtsinn oder Not

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Wer im Irak Geschäfte macht, kennt das Risiko: Entführung, wochenlange Geiselhaft, Mord. Dennoch sind nach Angaben aus der deutschen Industrie weit über 100 Deutsche für ihre Firmen im Zweistromland tätig. Manche für ein paar Tage zur Inbetriebnahme von aus Deutschland gelieferten Anlagen, andere für Monate im vermeintlich sicheren Kurdengebiet im Nordirak. Je geht das Bangen um entführte Deutsche in Bagdad wieder los: Drei deutsche Computerspezialisten sollen nach Angaben irakischer Sicherheitskreise aus dem Bagdader Finanzministerium entführt worden sein. Unwahrscheinlich ist das nicht, denn nach Handelsblatt-Informationen sind tatsächlich gerade in den irakischen Innen- und Finanzministerium deutsche Experten engagiert.

Ist das Engagement deutscher Firmen im Irak Leichtsinn oder Not? Tatsache ist, dass die im Irak-Geschäft tätigen deutschen Unternehmen schon soviel wie möglich irakisches Fachpersonal in Deutschland geschult haben, um nicht noch stärker gefährdete ausländische Spezialisten im Irak einsetzen zu müssen. Fakt ist aber auch, dass für die Abnahme hochgradig komplexer Anlagen immer vor Ort einer der deutschen Experten anreisen muss. Das Risiko reist dabei mit ihnen mit in den Irak und die deutschen Firmen geben in diesen Fällen viel Geld für Personenschützer und die Sicherheit ihrer Mitarbeiter aus. Das aber ist, wie die jüngsten Fälle in Bagdad zeigen, keine Garantie für Schutz.

Und so stellt sich die grundsätzliche Frage: Sollen deutsche Firmen noch Geschäfte im Irak machen? Die meisten Unternehmen werben wegen der vielen Aufträge aus Boomländern oder der wieder konjunktur-erstarkten Heimat ohnehin keine Irak-Lieferungen mehr ein. Doch wer es tut, macht es aus der Not heraus, ansonsten seine Firma in die Insolvenz führen zu müssen – auch zu Lasten der deutschen Arbeitsplätze. Aber Menschenleben gehen vor und deshalb ist zu fragen: Warum müssen IT-Ausbildung und Computer-Schulungen ausgerechnet in Bagdad stattfinden? Dafür gibt es sicherere Regionen selbst im Irak oder Online-Möglichkeiten. Doch wer hier gleich wieder nach der regelnden Hand des Staates ruft, findet sogleich einen großen Widerspruch: Einerseits warnt das Auswärtige Amt nachdrücklich vor allen Reisen in den Irak, andererseits gibt es für den Irak-Handel Hermes-Exportbürgschaften.

brueggmann@handelsblatt.com

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