Entlassung von Fiorina
Kommentar: Kurswechsel oder nur neuer Kapitän?

Braucht HP nur einen neuen Kapitän, der das Tagesgeschäft besser versteht. Oder einen, der einen neuen Kurs sieht und ihn auch zu steuern vermag? Das war die Frage, die am Mittwoch seit den frühen Morgenstunden die Gemüter an der Wall Street in New York wie auch in der Firmenzentrale in der Hanover Street in Palo Alto erregte.

MÜNCHEN. Während die Interimsführung an der Westküste „nur“ einen neuen Chef für das schlingernde Flaggschiff Hewlett-Packard zu suchen scheint, mehren sich in der Analystengemeinde an der Ostküste die Stimmen, die HP auf einem neuen Kurs sehen wollen. Ein neuer Kurs aber – da sind sich alle Branchenbeobachter einig – heißt, das Pionierunternehmen aus Palo Alto in zwei Teile aufzuspalten: in einen Drucker- und einen Computeranbieter.

Blicken wir zurück. Dies hatte im Streit um den Merger mit Compaq vor einigen Jahren Boardmitglied und Gründersohn Walter Hewlett gefordert. Carly Fiorina konnte sich damals mit ihrem Plan für einen Konzern „Groß-HP“ durchsetzten. Doch das scheint ein Pyrrhussieg. War nicht auch der letzte Compaq-Chef Eckhardt Pfeiffer bei seiner Flucht in „Groß-Compaq“ gescheitert? Auf die blanke große Zahl zu setzen ist gefährlich, wenn man nicht die Manager hat, die einen Deal dieser Größenordnung stemmen können. Konnte Compaq schon die Übernahme von Tandem und Digital Equipment (DEC) nicht verdauen, so hat es Carly Fiorina mit den ihr nahe stehenden Vasallen nicht geschafft, die drei schweren Brocken in einen neuen, schlagkräftigen HP-Konzern zu integrieren.

Die Fakten sind nicht zu übersehen: Nur das Druckergeschäft strahlt als Weltmarkführer, sorgt für Umsatz und Gewinn und muss die anderen Geschäftsbereiche mitschleppen. Die Computerabteilungen dagegen, PC wie Server und Speicher, sind trotz aller Versprechen schwer angeschlagen. HP muss daher, so der Analyst der Meta Group Nick Gall, für mehr gewinnbringende Synergieeffekte zwischen den Gruppen sorgen oder den Konzern in zwei Teile aufteilen. Nur so ist möglich, gute Kurse auf dem Börsenparkett zu erzielen, glauben einige Analysten. Dabei ist von einem Kurswert von 22 bis Dollar die Rede, falls HP aufgeteilt wird (15 bis 18,50 Dollar für die Drucker und 6 bis 7 Dollar für den Rest). Im Falle eines Zusammenbleibens sei eher mit einem Kurs von 16 bis 18 Dollar zu rechnen. Das liegt deutlich unter dem aktuellen Kurs vom Mittwoch (21,45 Dollar nach einer Steigerung von 10 Prozent nach Bekanntwerden des Fiorina-Abgangs).

Branchenbeobachter vergleichen HPs Situation mit der von IBM, als Lou Gerster als Chef an Bord kam und IBM zu neuer Größe führte. Dies geschah vor allem dadurch, dass Gerstner stark auf Beratung und Service setzte. Das hat auch Carly Fiorina zumindest verbal versucht – mit wenig Erfolg. Kritisiert wird vor allem HPs Programm für „Adaptive Computing“, das man in Analystenkreisen nur für eine schwache Kopie einer ähnlichen Kampagne von IBM hält, die keine neuen Kunden bringt. Nach meiner Meinung aber ist Carly Fiorina an zwei Punkten gescheitert: Die gefeuerte HP-Chefin versteht zu wenig von Computern, um den Konzern inhaltlich zu sanieren und hat keine glückliche Hand mit Mitarbeitern auf der Führungsebene. Sie ist eine Marketingfrau mit großem Ego. Das reicht jedoch nicht, um in schwierigen Zeiten den Moloch HP zu sanieren, der seine Mergerprobleme nicht verdaut hat.

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