EON
In den Rücken gefallen

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Um die Solidarität der Energiebranche ist es nicht gut bestellt. Mit seinem Ausscheren aus der Phalanx der großen Versorger brüskiert Eon die anderen Stromnetzbetreiber und die Bundesregierung gleichermaßen. Für künftige energiepolitische Debatten könnte das verheerende Folgen haben. Und obendrein taucht der Deal zwischen Eon und EU-Kommission die Brüsseler Behörde in ein fahles Licht.

Auf den ersten Blick ist Eon-Chef Wulf Bernotat ein kühner Schachzug geglückt: Eon gibt die Netze und einen kleinen Teil seiner Erzeugungskapazitäten ab – und wird damit zugleich die Wettbewerbsverfahren der EU-Kommission los, die das Unternehmen mit Milliardenbeträgen hätten belasten können. Dieser Kuhhandel lässt den Betrachter erschaudern. Die Kommission beendet Diskussionen von ganz grundsätzlicher Bedeutung kurzerhand auf dem Basar. Der Eon-Konzern sieht allein sein Wohlergehen – und nimmt Kollateralschäden für die gesamte Branche billigend in Kauf.

Denn die Bundesregierung fühlt sich verhöhnt. Ihre Bemühungen, die Konzerne vor den Zerschlagungsplänen der Kommission zu schützen, werden entwertet, wenn Eon den Verkauf des Netzes selbst vorantreibt. Wer wollte es den Berliner Entscheidungsträgern verübeln, wenn sie sich den Anliegen der Branche künftig versperrten? Ob Ausstieg aus der Kernenergie, Netzausbau, Kartellrecht oder Emissionshandel – es gibt noch viele Stellschrauben, die die Politik schnell zu Daumenschrauben werden lassen kann. Die Branche sieht zu Recht die Gefahr, für Eons Deal in Sippenhaft genommen zu werden.

Eon glaubt nicht mehr an die eigenen Argumente. Das Unternehmen hat uns in den vergangenen Monaten immer wieder deutlich gemacht, dass ein unabhängiger Netzbetreiber kein Garant für niedrigere Netzentgelte und schon gar nicht für eine höhere Verlässlichkeit ist. Und dass allein die Profis der Stromkonzerne das komplexe System Netz beherrschen.

Eons Ausstieg aus dem Netzgeschäft wird Deutschland eine neue Debatte über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Netzinfrastruktur bescheren. Welcher Eigentümer ist als Netzbetreiber überhaupt geeignet? Werden sich renditehungrige Investoren über das Netz hermachen, die Investitionen zusammenstreichen und so die Zuverlässigkeit der Netze gefährden? Welche Instrumente müssen die Regulierungsbehörden an die Hand bekommen, um das Schlimmste zu verhindern? An welchem Punkt werden die Netze durch zu starke Regulierung so uninteressant, dass sie überhaupt niemand mehr haben will?

Aus Sicht des Eon-Konzerns hat das Netzgeschäft bereits heute seinen Reiz verloren. Schon längst wirft die Sparte nicht mehr jene Renditen ab, die Unternehmen aus dem Erzeugungsbereich gewohnt sind. Offensichtlich hat Eon den Glauben an den von der Bundesregierung propagierten „dritten Weg“ verloren. Das Unternehmen hat Angst vor einer noch stärkeren Regulierung, vor weiter sinkenden Renditen. Eon will sich den neuen Herausforderungen gar nicht erst stellen.

Der Konzern hätte gut daran getan, seine Entscheidung wenigstens hinauszuzögern, um der Bundesregierung nicht zum ungünstigsten Zeitpunkt in den Rücken zu fallen. Der „dritte Weg“ steht vor einer ungewissen Zukunft. Die anderen Netzbetreiber können sich bei Eon dafür jetzt bedanken.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

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