Er galt als politisch gescheitert, jetzt hat er Hoffnungen
Jürgen Rüttgers wird "stärker werden"

Vielleicht ist es zurzeit schwer für Politiker, sich ausgelassen zu freuen. Siegesrausch, Genugtuung könnte man ihnen vorwerfen oder Naivität im Angesicht der ernsten Lage. Bei Jürgen Rüttgers wirkt die Freude über seinen Amtsantritt auch deshalb gedämpft, weil der 53-Jährige ein "Kopfmensch" ist, wie er selbst sagt. Dabei ist Rüttgers eine politische Sensation gelungen: Nach 39-jähriger SPD-Dauerherrschaft wird am Mittwoch im Düsseldorfer Landtag wieder ein Ministerpräsident der CDU gewählt.

HB DÜSSELDORFDie Verhandlungsrunden in der alten Staatskanzlei "Villa Horion" am Rheinufer mit den Freidemokraten waren mitunter anstrengend, verliefen aber ungleich harmonischer als bei Rot-Grün. "Ich arbeite jetzt 18 Stunden am Tag", hat Rüttgers vor der Präsentation des Koalitionsvertrags erzählt. Sein blaues Hemd war zerknittert, das Gesicht wirkte abgespannt, er lehnte sich weit in den Stuhl, beklagte die verfassungswidrigen Haushalte, die er wohl bis zum Jahre 2010 aufstellen muss. Auf die Frage, ob er ernüchtert sei, aber entgegnete er: "Nein, überhaupt nicht. Jetzt wird der Blaumann angezogen."

Dass der Name Rüttgers auf die SPD-Ahnengalerie Kühn, Rau, Clement und Steinbrück folgt, wollte lange selbst in der NRW-CDU niemand glauben. Die Sozialdemokratie schien unverwundbar und Rüttgers zu schwach. Selbst als der Sieg vor der Landtagswahl am 22. Mai immer wahrscheinlicher wurde, warnte Rüttgers selbst vor Euphorie: "Wir glauben es erst, wenn wir es in der Hand haben."

Nun hat er es in der Hand: das Schicksal des bevölkerungsreichsten Bundeslandes. Die Subventionierung der Steinkohle will er beenden, die Anteile von Westdeutscher Landesbank und den Wohnungsbestand der Landesentwicklungsgesellschaft verkaufen. CDU und FDP wollen Bürokratie abbauen, Stellen in der Verwaltung streichen, die Wirtschaftsförderung auf den Mittelstand konzentrieren und einen drastischen Sparkurs einschlagen. "Wir sind arm wie die Kirchenmäuse", sagte er am Wochenende auf einem CDU-Parteitag in Düsseldorf, der für den Koalitionsvertrag stimmte. Das Werk wird als "Blaupause" für Berlin verstanden, falls es zu einer vorgezogenen Bundestagswahl kommt. Die Grundzüge jedoch waren mit den Parteichefs von CDU und FDP, Angela Merkel und Guido Westerwelle, abgestimmt. Rüttgers - ein Vorbote für Merkel?

Eigentlich galt der Pulheimer politisch als gescheitert. Sein früherer Titel "Zukunftsminister", den er sich im Kabinett Helmut Kohls erworben hatte, geriet bei der SPD zum Schmähwort. Die Zukunft in der Partei schien anderen zu gehören, solchen, die in den 80er-Jahren noch als Nachwuchshoffnungen während eines Auslandsfluges den "Pacto Andino" geschlossen hatten. Die heutigen Ministerpräsidenten Christian Wulff, Roland Koch, Peter Müller, Günther Oettinger waren damals dabei. Man schwor, sich nicht bei der Karriere zu behindern. Rüttgers gehörte nicht dazu. Aber er hatte einen mächtigen Protegé: Helmut Kohl. Der Kontakt zum Altkanzler überstand die Spendenaffäre und selbst die daraus verschuldete Niederlage, als Rüttgers im Jahre 2000 erstmals die SPD herausforderte.

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