Erdgas
Neue Allianzen

Irans jüngster Vorschlag zur Gründung einer Gas-Opec findet in Russland bislang keine nachhaltige Unterstützung. In Moskau sieht man nur die Notwendigkeit, dass die großen Lieferanten von Öl und Gas von aggressiven Expansionsplänen Abstand nehmen und den Austausch von Informationen verbessern sollten.

Allerdings favorisieren die Russen schon heute regionale Bündnisse, um die Interessen der Produzenten bei der Erschließung von Märkten abzustimmen. Dies geschieht beispielsweise zwischen Algeriens Sonatrach und Russlands Gazprom beim Blick nach Europa. Im Gegensatz zum Öl existiert beim Erdgas bislang kein Weltmarkt. Dies wird sich erst ändern, wenn neben dem durch Pipelines geleiteten Gas auch Flüssiggas nennenswerte Marktanteile erobert. In fünf bis zehn Jahren könnten dann die Regionalmärkte Europa, Amerika und Asien einen Weltmarkt bilden, was die jetzigen Preisunterschiede deutlich verringern würde. In Antizipation eines solchen Weltmarktes wollen einzelne Gas exportierende Staaten aber schon heute ausloten, inwieweit die Investitionsdynamik beim Aufschluss neuer Reserven und Versorgungsketten einschließlich Pipelines, Verflüssigungsanlagen und Verschiffungsinfrastrukturen zum Vorteil der Exporteure koordiniert werden kann. Angesichts der Isolierung durch die westlichen Industrieländer hat Iran bereits heute ein hohes Interesse daran, durch Kartellierung gesicherte Absatzkanäle mit attraktiven Verwertungskonditionen zu entwickeln. Russland dagegen besitzt auch bei einem Alleingang noch große Vorteile bei der Belieferung des stark wachsenden europäischen Erdgasmarktes auf der Grundlage bereits installierter und neu geplanter Pipelines.

Hinzu kommt, dass sich Gazprom immer mehr in das europäische Verteilungssystem bis hin zu den Endverbrauchern einkaufen will. Als vertikal integrierter Gaskonzern ist Russlands Gasmonopolist auch ohne Kartellabsprachen in der Lage, die Marktlage voll auszureizen. Aber je mehr die Erdgasressourcen in wachsender Entfernung vom europäischen Markt erschlossen werden müssen, desto größer wird auch Gazproms Interesse, die Preispolitik und Investitionspläne mit anderen Großproduzenten zu koordinieren. Solche strategischen Allianzen werden auch deshalb attraktiver, weil die langfristigen Lieferverträge zwischen Russland und Europa auf der Basis von Ölpreisbindungen durch die Wettbewerbsbehörden in der EU zunehmend in Frage gestellt werden.

Auf den liberalisierten Gasmärkten werden die Beziehungen zwischen Produzenten und Abnehmern immer kurzatmiger. Die Preisbindung zwischen Öl und Gas wird gelockert und möglicherweise sogar ganz verschwinden. Damit geht aber automatisch ein Instrument der Preisstabilisierung verloren. Die historisch eher positiven Einflüsse der Opec auf die Verstetigung der Entwicklung der Ölpreise würden dann für die Preisbildung bei Erdgas keine Gültigkeit mehr besitzen. Bei Gas könnte es im Zuge der Liberalisierung und des Vordringens von verflüssigtem Erdgas auf Spotmärkten also zu heftigen Preisturbulenzen kommen. Damit verbunden wäre aber auch ein wachsendes Risiko für die Erdgasproduzenten. Ähnlich wie schon so oft in der Vergangenheit beim Öl wäre es auch beim Erdgas möglich, dass die aufgeschlossenen Angebotskapazitäten der Nachfrage vorauseilen. Und ohne eine Koordination zwischen den Exportstaaten wächst die Wahrscheinlichkeit von Angebotsüberschüssen, die den Preis drücken würden.

Gleichzeitig wächst dann auch die Gefahr einer nachlassenden Investitionsbereitschaft bei besonders kapitalintensiven Projekten. Dies wiederum würde Europas Abhängigkeit von wenigen Lieferanten erhöhen. Eine nicht zu starke Gas-Opec könnte daher im Interesse sowohl der Anbieter als auch der Nachfrager liegen. Die Vorteile für die Gasproduzenten sind auf längere Sicht offenkundig: Nachhaltige Preiseinbrüche könnten vermieden werden. Und mit Blick auf die Nachfrage bestünde die Chance, dass kapitalintensive Projekte nicht verzögert würden. Je mehr reziproke Marktöffnungen realisiert werden können und damit für Produzenten wie Nachfrager Investitionschancen eröffnet werden, desto geringer wird die Gefahr einer zu mächtigen Gas-Opec.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%