Erdogan
Schwieriger Besuch

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Der türkische Premier Erdogan wandert bei seinem Deutschland-Besuch auf einem schmalen Grat. Persönliche Betroffenheit angesichts der Tragödie von Ludwigshafen wird ihm niemand absprechen. Aber den gestrigen Auftritt am Brandort absolvierte der Premier sicher auch für das heimische Fernsehen.

Für einen Politiker ist das legitim. Würde Erdogan bei seinem Deutschland-Besuch um Ludwigshafen einen Bogen machen, hätte das in der Türkei einen Sturm der Empörung ausgelöst. Den kann sich Erdogan umso weniger wünschen, als er wegen der umstrittenen Zulassung des islamischen Kopftuchs an den türkischen Universitäten ohnehin in einer heiklen politischen Kraftprobe steckt. Aber der Premier sollte die Brandkatastrophe nicht instrumentalisieren. Diesen Vorwurf hat er sich bereits eingehandelt, als er die Beteiligung türkischer Experten an den Brandermittlungen durchsetzte. Darin liegt der unausgesprochene Verdacht, die Deutschen versuchten etwas zu vertuschen. Auf Erdogans Wunsch einzugehen war zwar richtig. Man darf aber fragen, wie die Türkei reagiert hätte, wenn Berlin eigene Ermittler ins osttürkische Malatya entsandt hätte, als dort 2007 ein deutscher Christ und zwei türkische Missionare ermordet wurden.

Noch ist unklar, ob es sich bei dem Feuer von Ludwigshafen um ein Unglück oder ein Verbrechen handelte. So schrecklich die Katastrophe auch ist: Sie darf nicht zum dominierenden Thema in den deutsch-türkischen Beziehungen werden. Dazu gibt es zu viele ungelöste Probleme. So muss man fragen, warum christliche Kirchen in der Türkei immer noch rechtlos sind. Und wo bleibt die seit Jahren angekündigte Reform des berüchtigten „Türkentum“-Paragrafen? Angela Merkel wird diese Fragen bei ihrem Treffen mit Erdogan zur Sprache bringen – trotz Ludwigshafen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

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