Erzbischof Reinhard Marx
Zuerst kommt der Mensch, dann der Markt

Mit seiner Sozialenzyklika dringt der Papst bis zum Kern der Finanzkrise vor. Denn indem er die Liebe in den Mittelpunkt stellt, fordert er auch eine Ethik, die sich mit individuellen Tugenden und dem Aufbau vernünftiger Institutionen beschäftigt.
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Ist der Papst weltfremd? Die Weltwirtschaft taumelt am Abgrund, Hunderte von Millionen Menschen bangen um ihre Arbeitsplätze, die Finanzkrise hat Hunger und Elend auf dieser Erde weiter vergrößert - und Benedikt XVI. beschäftigt sich in seiner Sozialenzyklika "Caritas in veritate" mit dem Thema der Liebe! Nein, der Papst führt kein "katholisches Selbstgespräch", wie ihm dies Kritiker vorgeworfen haben. Wenn er seinem Lehrschreiben das Wort "caritas" als Leitmotiv gibt, dann dringt er direkt in den Kern der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise.

Liebe ist hier nicht etwa als romantisches Gefühl gemeint. Sondern sie ist die Voraussetzung und der Antrieb für das Streben nach sozialer Gerechtigkeit und Solidarität. Das christliche Menschenbild ist in der Liebe begründet. Gott ist die Liebe - "Deus caritas est" lautet nicht ohne Grund der Titel der ersten, im Jahr 2005 erschienenen Enzyklika von Benedikt XVI. Jeder Mensch ist Geschöpf Gottes und dessen Ebenbild. Das bedeutet: Wir sind aufgerufen, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Das geht bis hin zu der Erkenntnis, dass wir zu einer Menschheitsfamilie gehören, die füreinander Verantwortung hat.

Die Pervertierung dieses Menschenbildes und die Verabsolutierung des Homo oeconomicus sind die Hauptursachen der gegenwärtigen Krise. Natürlich sind Eigeninteresse und das Streben nach dem eigenen Vorteil ein wichtiger Antrieb des Menschen. Die katholische Soziallehre leugnet auch nicht, dass Menschen aus Eigennutz handeln und Anreizsysteme brauchen. Aber wir sind keine Marionetten, die nur auf Anreizsysteme hin das Gute tun. Genau dieses falsche Leitbild hat wesentlich zu einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche beigetragen, die sich besonders in der radikalen Ideologie eines primitiven Kapitalismus in vielfältiger Weise in den letzten Jahren ausgebreitet hat. Eine Welt, die nur in Interessen und Meinungen, Vorteilen und Machtkalkülen befangen ist, wird die Kraft zu einer globalen Gestaltung, in deren Mitte der Mensch steht, nicht aufbringen.

Der Appell des Papstes, sich an der Liebe zu orientieren, richtet sich nicht exklusiv an die Christen. Gemeint sind alle Menschen guten Willens. Dem Menschen ist die Vernunft gegeben. Mit ihrer Hilfe kann er das erkennen, was alle normativ bindet, was nicht nur Einzelinteressen genügt oder bestimmten Kulturen entspricht - etwa die sittliche Grundformel: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füge keinem anderen zu.

Globalisierung ist kein Verhängnis Hierin liegt die Voraussetzung dafür, Menschenrechte und Menschenwürde global denken zu können. Der Heilige Vater erinnert an die Notwendigkeit naturrechtlichen Denkens, an die Möglichkeit eines gemeinsamen Ethos für alle Menschen. Darin liegt die Zuversicht, dass Menschen an sich vernünftig genug sind, das Gute zu wählen und das Böse zu verwerfen. Die katholische Kirche hat diese Auffassung von jeher vertreten, und ich sehe nicht, welche Alternative es dazu gäbe.

Vor einem entfesselten Kapitalismus hat bereits Papst Johannes Paul II. im Jahr 1987 in seiner Enzyklika "Solicitudo rei socialis" gewarnt, die noch stark von der Spannung des Systemwettstreits zwischen Kapitalismus und Sozialismus geprägt ist. Ihn hat beunruhigt, dass ein reiner Marktradikalismus im Grunde auch ein Materialismus ist. Eine wirkliche, ganzheitliche Entwicklung der Völker und aller Menschen kann es aber nur geben, wenn der Mensch in allen seinen Dimensionen im Blick bleibt, nicht nur von seinen materiellen Bedürfnissen her. Der Mensch darf eben nicht auf den Homo oeconomicus reduziert werden. Wie seine Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul II. unterstreicht Benedikt XVI., dass eine rein technische Entwicklung eine materialistische Verkürzung ist, die auch langfristig nicht zu dem Ziel führt, alle, besonders auch die Armen, in ihren Entwicklungsmöglichkeiten zu befördern.

Die Päpste verurteilen marktradikale wie sozialistische Ideologien, die in unterschiedlicher Weise eine materialistische Verkürzung der menschlichen Entwicklung zur Folge haben. Benedikt XVI. betont, wie sehr das Wort Entwicklung eine positive Sicht des Menschen beinhaltet, eine Haltung des Vertrauens gegenüber seinen Fähigkeiten, in Freiheit und Verantwortung das Gute zu suchen und Schritt für Schritt zu erreichen. Diese Sicht, dass die Gestaltung der Welt Gabe und Aufgabe für den Menschen ist und die Globalisierung nicht einfach ein Verhängnis, sondern eine konkret anzunehmende Aufgabe, durchzieht die ganze Enzyklika.

Aber welche Instanz wacht darüber, dass nicht die skrupellose Profitgier Einzelner über dem Gemeinwohl steht? Der Papst bestreitet nicht, dass Institutionen nötig sind und auch ethische Qualität haben. Aber er betont immer wieder, dass die moralischen Ressourcen für jeden einzelnen Akteur, auch im Marktgeschehen selbst, Bedeutung haben. Mit Bundespräsident Horst Köhler gesprochen geht es ganz simpel um das Bewusstsein: "Das tut man nicht!" Also: Man verkauft als Anlageberater einem kleinen Angestellten keine hochspekulativen Risikopapiere, wenn der mit ein paar Euro pro Monat für die Rente vorsorgen will. Wo Menschen handeln, gibt es keine moralfreien Räume. Demokratie und Soziale Marktwirtschaft brauchen Tugenden, nicht nur Institutionen.

Der Papst kritisiert in der Enzyklika sehr deutlich die Vorstellung, wir könnten bei der Schaffung von mehr Gerechtigkeit eigentlich auf die persönliche Moral des Einzelnen verzichten und uns auf strukturelle Überlegungen beschränken, die nur vom Eigeninteresse der Menschen und Nationen ausgehen. Allerdings wird die Diskussion über das rechte Verhältnis von Tugendethik und Institutionenethik weitergehen müssen.

Eine neue humanistische Synthese Mit Blick auf die dramatische Krise der Weltwirtschaft fordert der Papst ein neues Denken, eine "neue humanistische Synthese", in Gang zu bringen. Er leugnet nicht, dass in den letzten Jahrzehnten der Wohlstand einiger Völker gewachsen ist. Aber er weist auf neue Spannungen in den armen und in den reichen Ländern der Erde hin. Es gibt neue Formen der Armut, der Ausgrenzung; die Ungleichheit wird gerade in der aktuellen Krise größer. Wenn wir die Herausforderung der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht als Anlass zum Lernen begreifen, haben wir die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Die Soziallehre der Kirche und der Glaube können der Vernunft aufhelfen und diesen Lernprozess voranbringen, davon ist der Papst überzeugt.

Entscheidend für die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft bei uns und weltweit ist, dass Staat, Markt und Zivilgesellschaft neu in Beziehung gesetzt werden müssen. Ihre Rollen müssen auch auf globaler Ebene neu bestimmt werden. Es geht dabei um eine Umkehr: Die Dominanz der Logik des Marktes muss gebrochen werden. Ein neues Denken muss ermöglichen, Staat, Markt, Gesellschaft und den einzelnen Menschen wieder in ein angemessenes Zueinander zu bringen. Und dabei lautet die oberste Spielregel: Im Zentrum steht der Mensch!

In einem Staat halten Kohäsionskräfte das Gemeinwesen zusammen - der aus dem 19. Jahrhundert stammende und problematische Begriff der "Nation" hat dabei aber ausgedient. Der Markt allein indes ist nicht in der Lage, ein Gemeinwesen zusammenzubinden. Schon gar nicht der deregulierte und staatenlose Weltmarkt, den wir in den vergangenen 20 Jahren erlebt haben! Hier stehen wir vor einer der brisantesten Fragen des 21. Jahrhunderts. Denn wenn wir überhaupt so etwas denken wollen wie eine Weltfamilie, wie Menschenrechte, Vereinte Nationen, dann brauchen wir eine Weltgesellschaft, eine Zivilgesellschaft, die kulturelle, religiöse und moralische Übereinstimmungen erkennt und sichtbar werden lässt.

Die Rolle der Kirche und anderer Religionen ist in einem solchen Prozess nicht zu unterschätzen. Denn kein Gemeinwesen funktioniert nur aus sich selbst heraus, sondern es braucht Voraussetzungen - wie beispielsweise in Europa und der westlichen Welt die jüdisch-christliche Tradition. Die Soziale Marktwirtschaft und die Demokratie in Deutschland sind ohne die Prägung durch das Christentum schlicht nicht vorstellbar.

In diesem Kontext ist der Begriff der "Weltautorität" verortet, die der Papst in dieser Enzyklika anregt. Dabei geht es nicht um die Idee eines gigantischen, undurchsichtigen Weltstaates, sondern um Global Governance, um subsidiäre Institutionen, die ein gewisses Zueinander von Staat, Markt und Zivilgesellschaft auf Weltebene ermöglichen.

Abschied vom Shareholder-Value Der Papst regt an, über das Ziel der Wirtschaft und des Wirtschaftens neu zu diskutieren. Er lehnt eine einseitige Ausrichtung am Shareholder-Value ab. Er betont, dass Unternehmen die berechtigten Interessen anderer mit einbeziehen müssen. Die Wissenschaft diskutiert dies als Stakeholder-Modell. Es geht nicht allein um die Interessen der Kapitaleigner, sondern auch um die des Managements, der Mitarbeiter, der Kunden, der Lieferanten, der Konkurrenz sowie um die Interessen des Staates, der Gesellschaft, der Umwelt und der nachfolgenden Generationen.

Der Papst wirft auch die Frage auf, ob alles der erwerbswirtschaftlichen Logik unterworfen werden muss. Warum sollte nicht den gemeinnützigen Unternehmen ein Teil der Zukunft gehören? Die katholische Soziallehre diskutiert schon lange, ob es nicht Unternehmensmodelle gibt, die den Gegensatz von Arbeit und Kapital besser überwinden können als etwa Aktiengesellschaften.

Dabei soll die Gewinnorientierung an sich nicht negativ bewertet werden. Aber es hat in den letzten zwei Jahrzehnten zu viele Denkverbote gegeben. Der Papst weist in diesem Zusammenhang auf das Beispiel des Mikrofinanzwesens hin, das - anfangs belächelt - einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung in den armen Ländern geleistet hat.

Die Kontakte der Menschen, die auf den Märkten stattfinden, sind menschliche Beziehungen. Sie dürfen nicht auf technische Interaktionen und Anreizsysteme reduziert werden. Es wird zu überlegen sein, wo und wie Regeln und moralische Impulse ihren Platz haben müssen. Der Papst unterstreicht nicht ohne Grund die große Bedeutung der Entwicklungszusammenarbeit: Sie gehorcht nicht einfach den Gesetzen des Marktes, sondern sie leistet Hilfe. Dem widerspricht nicht, dass langfristig Eigeninteresse mitschwingen kann. Doch ist der kurzfristige Gewinn nicht ihr Ziel. Hilfe ist an Werten orientiert und an Nachhaltigkeit. Ohne ein solches Verhalten kann man weder eine Menschheitsfamilie aufbauen noch Globalisierung gestalten.

Benedikt XVI. spricht vom Prinzip der Gratuità - was mit "Unentgeltlichkeit" nicht ganz korrekt übersetzt ist. Gratuità ist eigentlich das Prinzip des Schenkens, der Gabe, der Gnade. Jedes Gemeinwesen lebt nicht nur von dem, was wir einander aus Rechtsansprüchen schulden, sondern auch von dem, was wir einander schenken, etwa in der Familie.

In diesem Gedanken liegt nicht nur ein gewaltiger moralischer Appell. Das Prinzip des Schenkens resultiert unmittelbar und wahrhaft aus der Liebe.

Kommentare zu " Erzbischof Reinhard Marx: Zuerst kommt der Mensch, dann der Markt"

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  • Die Sozialenzyklika des Papstes ist eine liebevoll
    gemeinte Erkläruung an Menschen, allerdings eine
    Katastrophe, so der mir gut bekannte Friedhelm Hengsbach SJ. Recht hat er.

    DAS KAPiTAL des politischen Philosophen Marx vor hundert Jahren bewegte gravierende Diskussionen.
    DAS KAPiTAL des Erzbischofs Theologen Reinhard Marx; München und Freising mag wohl sozialethisch in theologischen bzw. philosophischen Kreisen ein
    DiSKUSSiONSFUTTER sein, interessiert allerdings
    industrie- und bankenmanager überhaupt nicht und hilft den Mitarbeitern ebenso nicht. Es gibt institutionen, in denen man gerne diskutiert und Themen der katholischen Soziallehre beherzigt. in REALiTAS der Arbeitswelt kümmert man sich darum nicht. Selbst in Gewerkschaften werden diese Schriften gelesen, sind aber wenig rezipiert und umgesetzt, weil es dort derzeit um Lohn- und Gehaltsfragen sowie um Überlebungskämpfe der arbeitenden bevölkerung geht.

    Kein industrieunternehmer würde sich ernsthaft diese Schriften zur Hand nehmen und diese beherzigt
    umsetzen. Dafür gibt es ebenso viele Gründe.

    O.Nell breuning SJ in Sankt Georgen wurde Jahrzehnte
    in Frankfurt besucht und um Rat gefragt. Ebenso hatte man ihn in Ministerien eingeladen und seine Ratschläge geschätzt. Er war ein ausgewogener Sozialethiker für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

    Aus meiner Sicht verliert sich diese Denkweise seit dem Tod von Nell breuning. Deshalb fahren in den
    letzten Jahren keine Ministerdienstwagen in Sankt Georgen, Frankfurt/ Main vor.

    Die Zeiten haben sich diesbezüglich geändert. Dies sollten sich die Kirchenvertreter vor dem iNNEREN
    AUGE festhalten. Die Apelle sind seitens der Sozialethiker berechtigt, greifen aber scheinbar zu
    kurz.

    Die Sozialenzyklika sowie die bücher DAS KAPiTAL
    entsprechen in ihren inhaltsangaben den inhalten
    der Unternehmensphilosophie broschüren oder Handbüchern in banken und Konzernen. Lippenbekenntnisse theoretischer Art.

    Alles brauchbare Literatur für Studenten in Seminaren, Weiterbildungstätten der Gewerkschaften
    oder Personalmitarbeiterzentren.

    Horst (George) balonier
    Neckarstrasse 2
    64319 Pfungstadt


  • DiE KiRCHEN TRETEN iN VERSCHiEDEN AUFGAbENFELDER AUCH ALS aRbEiTGEbER AUF DORT KÖNNTEN SiE EiGENTLiCH ZEiGEN WAS SiE UNER SOZiALERKOMPETENZ VERSTEHEN;
    SiE TUN NUR NiCHT; HiER HÄTTE JEDER biSCHOF GENUG ZU TUN

  • "Wucher ist das sicherste Mittel zum Gewinn, obwohl eines der schlechtesten, da er nichts anderes bedeutet, als sein brot zu essen, im Schweiße des Angesichts eines anderen", das wußte schon Francis bacon.

    Dass jedoch Arbeit und Kapital gleichberechtigt, gleich wichtig in der Wertschöpfungskette sind, ist auch seit längerem bekannt. Doch unsre Gewerkschaften hatten bei Einführung der Volksaktie, aus ihrer Abneigung keinen Hehl gemacht.

    im Zuge der Umstruktuierung von OPEL hörte man es vom betriebsrat nun anders: Lohn- und weiterer Vergütungsverzicht, gegen 10 % beteiling an OPEL.

    Wennn dieser Weg schon früher allgemein bedacht worden wäre so hätte man einem entfesselten Kapitalismus die Fesseln angelegen können, die ihn nachhaltig in die Schranken verweist.

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