Es reicht. Drei Monate Wahlkampf total haben uns geschafft. Eine persönliche Leidensgeschichte.
Im Land des Lächelns

Ich kann sie nicht mehr sehen. Unerträglich. Zugegeben, ich habe kein Wort mit ihr gewechselt, mit Mechthild. Ich kenne weder das Timbre ihrer Stimme noch ihre Hobbys. Und doch: Sie geht mir erbarmungslos auf die Nerven, unentwegt. Mir reicht es, dass Mechthild Rawert mich jeden Tag, kaum dass ich die Wohnung verlassen habe, vom Laternenmast herunter in anmaßender Zudringlichkeit anlächelt.

HB BERLIN. Mechthild ist die Direktkandidatin der SPD in Berlin-Schöneberg-Tempelhof. Und damit Mechthild mir nicht zürnt: Auch ihre direkten Konkurrenten der anderen Parteien gehen mir genauso lächelnd auf die Nerven! Überall ist schwarz-rot-gelb-grün geflaggt. Es reicht.

Deutschland im Frühherbst: ein Land des Lächelns. Wer hätte das je gedacht! So viel freundliche Masken in Teutonien, bei Wind und Wetter: Deutschland lächelt mir ununterbrochen zu. Deutschland, mein Arkadien!

So ein Wahlkampf verändert die Republik. Überall: freundlichstes Augenzwinkern, lustig ausgelassene Zufriedenheit. Gerhard Staatsmann lächelt sein Kukident-Lächeln, Guido Megaseriös lächelt gediegen getragen. Das Land erstickt an Zuversicht. Allein Angela die Große lächelt verschämt. Damit man ihr anmerkt, welche Arbeit sie selbst in so ein Dauerwellenlächeln investiert. Denn: "Leistung muss sich wieder lohnen!" Ja, doch.

Auf dem Leistungstrip, auf dem Weg zur Arbeit,per Fahrrad (bei gemäßigten Temperaturen), per Cabrio (bei Sonnenschein) oder per Bus (bei Regen, also meistens) droht jeden Morgen gegen 8.30 Uhr der Psycho-Knock-out. Vor allem vom lebensgroß plakatierten Guido II., dem ins ernste Fach gewechselten Nachfolger von Sonnenscheinkönig Guido I, der selber früher so lustig war. Jetzt ist Guido stockseriös, um nicht zu sagen: lachhaft solide. Guido Westerwelle gibt das Honigkuchenpferd. Entlang der vierspurigen Hauptstadt-Straßen verspricht er: "Mehr FDP, weniger Westerwelle", Pardon, da nahm die - völlig unpolitische! - Ampel die Sicht auf die liberale Perspektive: "Mehr FDP, weniger Steuern".

Die Grünen sind da viel unpersönlicher. Sie enttarnen ungeniert mitten in der Hauptstadt ihre idyllisch-alpin-hinterwäldlerische Seele, plakatieren alle 50 Meter irgendein ein Provinznest mit Sonnenkollektoren auf den Schindeldächern - als höchste Errungenschaft kleinststädtischen Daseins. Klar, die Message lautet: "Weg vom Öl" - hin zur wieder mal lächelnden Sonne.

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