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Essay: Ängstliche Mittelschicht

Immer stärker verbreitet sich die These vom sozialen Abstieg der gesellschaftlichen Mitte. Medien, insbesondere das Fernsehen, berichten reißerisch über vermeintlich hoffnungslose Existenzen. Doch abseits der Bilder, im Licht der Fakten, entpuppt sich der Niedergang der Mittelschicht als reine Mär. Nie ging es ihr besser als heute.

Den Menschen geht es nicht schlecht, wie volle Fußgängerzonen und Geschäfte zeigen. Dennoch wird geklagt. Foto: ap Quelle: ap
Den Menschen geht es nicht schlecht, wie volle Fußgängerzonen und Geschäfte zeigen. Dennoch wird geklagt. Foto: ap Quelle: ap

Vorsicht, wenn Sie nach Berlin kommen und unter einer Brücke durchlaufen: Sie könnten versehentlich auf einen obdachlosen Akademiker treten. Wie kürzlich eine Hamburger Wochenzeitung schrieb, hält "unter den Brücken Berlins eine neue soziale Gruppe Einzug: wohnungslose Akademiker". Gefahr droht aber angeblich nicht nur in der Hauptstadt: Spiegel-Autor Gabor Steingart will herausgefunden haben, dass "die Zerfallsprozesse im Innern der Gesellschaft den Westen heute stärker bedrohen als der internationale Terrorismus".

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Bis zur Groteske wird ein Thema verzerrt, das seriöse Behandlung verdient hat: die Furcht von Teilen der Mittelschicht vor dem sozialen Absturz. Politiker von den Christdemokraten Angela Merkel und Jürgen Rüttgers bis zum SPD-Vorsitzenden Kurt Beck wittern hier ein wichtiges Thema, sprechen von einer "neuen sozialen Frage" (Merkel), der "Bedrohung der Leistungsträger" (Rüttgers) oder "denen, die viel leisten und auch Angst haben" (Beck).

Tatsache ist, dass die Deutschen, die man zur gesellschaftlichen Mitte rechnet, sich Sorgen machen. Seit Anfang des Jahrzehnts hat sich der Anteil jener Personen, die den Verlust des eigenen sozialen Status fürchten, auf fast vierzig Prozent nahezu verdoppelt, stellt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer fest. Seit sechs Jahren nimmt er regelmäßige Befragungen für eine Langzeitstudie vor. Fast neun von zehn Deutschen stimmen demnach der Aussage zu, dass "immer mehr Personen an den Rand gedrängt werden". Desintegrationsängste würden "zunehmend von Befragten aus der sozialen Mitte geäußert", von denen beinahe jeder Zweite große oder sehr große Angst vor Arbeitslosigkeit habe, schrieb Heitmeyer kürzlich in der Süddeutschen Zeitung.

Damit steht er nicht allein: In den vergangenen Monaten haben zahlreiche Meinungsforschungsinstitute Umfragen veröffentlicht, die zu einem ähnlichen Befund kommen. Das ist schon deshalb ernst zu nehmen, weil Gesellschaften dann instabil und anfällig für Extreme werden, wenn die Mitte kopfscheu wird. Europa hat in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebt, zu welchen Exzessen eine radikalisierte Mitte fähig ist.

Die Abstiegsangst der für die deutsche Wohlstandsgesellschaft typischen Schichten ist zum festen Thema von Magazinen, Feuilletons und TV-Sendern geworden. Daraus wird die zugespitzte These abgeleitet, die gerechte deutsche Wohlstandsgesellschaft sei am Ende.

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