Essay
Auferstanden von den beinahe Toten

Die Finanzbranche hat die akute Krise im Jahr 2009 überwunden - mit massiver staatlicher Unterstützung. Einige Geldhäuser sind schon wieder flott, andere arbeiten sich mühselig aus dem Morast, wieder andere stecken im Sumpf der Probleme fest. Aber beinahe alle großen Banken haben die marktwirtschaftliche Unschuld verloren.
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DÜSSELDORF. Die Finanzbranche hat 2009 eher als Oster- denn als Weihnachtsgeschichte erlebt. Nachdem sie im letzten Quartal des Jahres davor in die Hölle gefahren war, erlebte sie eine Wiederauferstehung. Freilich ging das nur mit massiver staatlicher Hilfe, und es haben auch nicht alle Institute das jüngste Gericht der großen Krise überstanden.

Vor rund einem Jahr schon hatten die Regierungen weltweit Zusagen zur Rettung gemacht. Die größte Unsicherheit war zunächst geschwunden. Aber ungefähr zu dieser Zeit erreichten viele Bewertungen von verbrieften Wertpapieren und anderen unsicheren Vermögensanlagen ihre Tiefpunkte. Sie schmolzen bei einigen Instituten, wie etwa der Dresdner Bank, dahin wie das arktische Eis im Klimawandel. Entsprechend konnte die Commerzbank die Übernahme der Dresdner nur mit staatlicher Hilfe stemmen. Und selbst die Deutsche Bank, die stolz alle Staatshilfe ablehnte, verbuchte einen Milliardenverlust und musste die Übernahme der Postbank nachverhandeln, um sich nicht zu verheben.

Investoren haben sich die Finger verbrannt

An den Aktienmärkten wurde das Desaster mit einigen Wochen Verspätung nachvollzogen. Während die Banken im ersten Quartal 2009 schon wieder Gewinne machten, gingen die Kurse ihrer eigenen Aktien auf Talfahrt und spiegelten so die katastrophalen Zahlen des Vorquartals wider, die nach und nach öffentlich wurden. Für eine gewisse Zeitspanne schien es fraglich, ob das Bankgeschäft überhaupt noch auf Aktienbasis zu machen sei, an Kapitalerhöhungen war nicht mehr zu denken, die Bewertungen vieler Institute waren nur noch ein schlechter Witz.

Die Investoren hatten sich die Finger verbrannt. Außerdem erwiesen sich die staatlichen Rettungsversprechen als zwiespältig: Sobald zu erwarten stand, dass eine Regierung einsteigen würde, brachen die Kurse noch mehr ein - aus Angst, bei einer staatlich verordneten Kapitalerhöhung würde die Basis der Gewinne verwässert.

Die Erholung der Gewinne, der die Erholung der Bankaktien folgte, kam dann relativ schnell. Ganz genau wird sich nie feststellen lassen, in welchem Verhältnis die Ursachen zusammenwirkten. Die staatlichen Rettungsversprechen erzeugten letztlich wieder Vertrauen. Die Kapitalmärkte entwickelten - nachdem sie in Teilbereichen auf absurd niedrige Werte gefallen waren - wieder eigene Auftriebskräfte. Massiv unterstützt wurde das durch das extrem billige Geld, das die Notenbanken ins System pumpten. Und dann kam hinzu, dass einige Banken, soweit sie es sich leisten konnten, ihre Bestände 2008 möglichst weit abgewertet hatten, um für das kommende Jahr auf der sicheren Seite zu sein und im Zweifel Bilanzansätze sogar erhöhen zu können.

Nachdem einzelne Banken wie HSBC und BNP den Eisbrecher spielten, sind inzwischen auch wieder Kapitalerhöhungen möglich, ohne den Kurs gleich auf Talfahrt zu schicken. Sogar der Staatseffekt drehte sich um: Inzwischen wirken sich selbst Kapitalerhöhungen, die zur Rückzahlung staatlicher Mittel dienen, positiv aus, weil die Märkte davon ausgehen, dass vom Staat "befreite" Banken besser wirtschaften. So schaffen es Bank of America und absehbar selbst Citigroup, Milliarden an den Staat zurückzuzahlen.

Alles in allem gab es so eine glanzvolle Erholung der Bankgewinne und-aktien. Als ein Beleg dafür kann der Kurs der Deutschen Bank dienen.

Am erstaunlichsten war die schnelle Erholung des Investment-Bankings. Noch im Herbst 2008 schien das Geschäftsmodell, Geld von den Kapitalmärkten zu leihen und damit Risikogeschäfte zu machen, mausetot. Denn die Kapitalmärkte waren nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman nicht mehr bereit, dafür Geld herzugeben. Sie scheuten weniger das Marktrisiko - also den Verlust durch fallende Kurse; daran sind Investoren gewöhnt. Entscheidender war das "Adressenrisiko" oder neudeutsch "Counterparty Risk". Der prominente US-Fondsmanager Mohamed El-Erian hat es so beschrieben: "Sie bezahlen im Drive-in einen Hamburger, wissen aber nicht, ob sie ihn auch bekommen."

Der Fall Lehman hatte allerdings so desaströse Folgen, dass sich, wie kürzlich auch Wall-Street-Veteran Joe Perella im Handelsblatt sagte, als eiserne Regel an den Märkten und in weiten Bereichen der Politik die Vorgabe etablierte: nie wieder Lehman. Schon die nächste Pleite, der einst weltgrößte Versicherer AIG, wurde mit staatlichen Milliarden aufgefangen.

Lehman wurde zum Bumerang

So entwickelte sich Lehman zum Bumerang. Während der damalige US-Finanzminister Henry Paulson ein Exempel an Strenge statuieren wollte - am Intimfeind seines ehemaligen Arbeitgebers Goldman Sachs -, sind die Märkte heute sicherer als vor Lehman, dass der Staat nichts mehr anbrennen lässt. Das schützt freilich nur die Wall Street, nicht die kleinen amerikanischen Regionalbanken, von denen 2009 schon rund 130 pleitegegangen sind.

Und nur so lässt sich die Wiederauferstehung der Investmentbanken erklären: Das Finanzsystem ist plötzlich wieder stabil, deswegen können sie auch wieder kapitalmarktfinanzierte Risikogeschäfte machen. Weil zwischenzeitlich einige Konkurrenten verschwunden waren - neben Lehman hatten auch Bear Stearns und Merrill Lynch die Selbstständigkeit verloren -, blieb für die Überlebenden umso mehr Marktanteil übrig. Hinzu kam, dass die Refinanzierung durch billiges Notenbankgeld extrem günstig wurde. Der deutsche Bankenpräsident Andreas Schmitz konstatierte daher schon im Juni: "Wer jetzt im Investment-Banking kein Geld verdient, der wird es nie schaffen."

Die Banken fahren also wieder Milliarden ein, einige jedenfalls, und schütten auch schon wieder Milliarden an Boni aus. Verloren haben sie freilich ihre marktwirtschaftliche Unschuld. Während viele Topmanager wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank das Kapitel "Staatshilfe für die Branche" am liebsten ganz schnell wieder vergessen würden, wissen die Steuerzahler sehr genau, dass nur ihr Einsatz das System vor dem Absturz gerettet hat. Und dabei geht es nicht nur um direkte Hilfen für Banken, sondern auch um die erschreckende Staatsverschuldung, mit der wir die Stabilisierung der realen Wirtschaft bezahlen, die wiederum die Banken vor massiven Abschreibungen auf Kredite schützt.

In den USA wird die Diskussion besonders wütend geführt, im Mittelpunkt steht die Investmentbank Goldman Sachs. Die Kritik kommt häufig gerade von konservativen Politikern - und von solchen, die Staaten fernab der Wall Street vertreten. Denn viele Amerikaner fühlen sich als Opfer eines Komplotts zwischen Investmentbanken, Notenbank und Politik. Auch die zweifelhafte Rolle halbstaatlicher Baufinanzierer wie Fannie Mae und Freddie Mac, an denen praktisch der gesamte US-Immobilienmarkt hängt, erscheint jetzt in grellem Licht.

Auch die Diskussion in Großbritannien zeigt: Der angelsächsische Kapitalismus ist als System entlarvt, in dem nicht die Unternehmer Risiken eingehen und Gewinne machen, sondern Steuerzahler Risiken eingehen und Banken und ihre Top-Angestellten die Gewinne einfahren; der Unterschied zum Leistungssport ist nur, dass Doping dort zwar auch üblich, aber wenigstens offiziell verboten ist. Deutschland steht in dieser Diskussion etwas abseits und hat genug damit zu tun, seinen immer schon staatlichen Landesbankensektor zu entwirren. Dafür ist bei uns die Masse der Sparkassen und Genossenschaftsbanken bisher glimpflich durch die Krise gekommen. In anderen Ländern haben einzelne Großbanken, wie etwa BNP in Frankreich, die Gunst der Stunde genutzt, um ihre Position zu stärken, Banco Santander in Spanien legte sogar absolut an Börsenwert zu.

Die großen Geschäftsbanken haben möglicherweise eine schwere Wegstrecke vor sich, wenn es in der "realen" Wirtschaft noch zu mindestens einem schweren Jahr und damit zu Ausfällen bei Geschäfts- und Privatkunden kommt. Man darf aber nicht übersehen, dass die Banken genau dies erwarten und daher zum Teil auch schon Risikopolster gebildet haben.

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