Essay
Das China-Syndrom

Das Wachstum in Fernost betrifft die Umwelt mindestens so stark wie die Wirtschaft und macht eine neue deutsche Industriepolitik notwendig.

Will man den wachsenden globalen Ressourcenverbrauch illustrieren, muss man nicht lange suchen: Die Volksrepublik China verbaut jährlich ein Viertel der weltweiten Stahlproduktion und knapp die Hälfte des produzierten Zements. Ein Achtel des weltweiten Energieeinsatzes wird dort verbraucht. Und dabei bleibt es nicht: Die chinesische Wirtschaft wächst gegenwärtig mit einer Rate von rund zehn Prozent, ihre Ansprüche an die weltweiten Energie-und Rohstoffvorkommen nehmen also rapide zu.

Das enorme Wachstum in Fernost hat ein zweites Gesicht: 16 der 20 Metropolen mit der weltweit schlechtesten Luftqualität liegen im Reich der Mitte, nur die Hälfte aller Städte reinigt ihre Abwässer, und 700 Millionen Chinesen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Vier Fünftel aller Abfälle werden in China nicht umweltgerecht entsorgt. Eine aktuelle Untersuchung der chinesischen Umweltbehörde Sepa zeigt, dass die Hälfte der 7555 untersuchten Chemieanlagen das Risiko eines schweren Chemieunfalls in sich birgt, 50 Anlagen sogar abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden müssen. 80 Prozent der Fabriken befinden sich an Wasserstraßen oder in dicht besiedelten Gebieten.

Zhu Guangyao, der Vizeminister der staatlichen Umweltbehörde Sepa, resümierte kürzlich: "Die Lage erlaubt keinen Optimismus." Die jährlichen Umweltkosten taxiert sein Amt inzwischen auf 10 Prozent des Bruttosozialproduktes. Mit anderen Worten: Umweltsanierung frisst das Wachstum! China muss reagieren und benötigt dafür Expertise und Partner. Kein Wunder, dass das Bundesumweltministerium unlängst von chinesischer Seite angesprochen wurde, ob die Bundesregierung und die deutsche Wirtschaft nicht dieser Partner sein können.

Das Beispiel China zeigt: Die Ressourcenfrage wird zur zentralen Zukunftsfrage. Industriestandorte werden nur dann überleben, wenn sie stetig steigenden Rohstoffpreisen mit immer neuen, ressourceneffizienteren Technologien begegnen können. Ressourcenpolitik wird zur mitentscheidenden Standortpolitik. Umwelttechnologien gehören zu den Leitmärkten der Zukunft. Weder wird sich China auf Dauer mit der enormen Verschmutzung seiner Luft und seiner Flüsse abfinden, noch können wir es uns global leisten, dass unsere eigenen umweltpolitischen Fehler wiederholt werden.

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