Essay
Die Bundesbank – knapp an der Blamage vorbei

Sarrazins Rückzug erspart der Bundesbank eine lange Auseinandersetzung vor den Gerichten. Dennoch bleibt ein Schaden: Einst als absolute Herrscherin über Europas Geldpolitik kritisiert, hat die Bundesbank durch den Fall Sarrazin im Ausland an Ansehen verloren. Der Vorgang könnte auch Axel Webers Chance geschmälert haben, an die EZB-Spitze aufzurücken. Ein Essay von David Marsh.
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Der publizitätsträchtige Wirbel um das Ex-Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin ist aus mehreren Gründen einmalig. Im Ausland schüttelt man über die Bundesbank den Kopf. In der ganzen Welt wurde sie lange Jahre aufgrund ihrer Integrität, Unabhängigkeit und erfolgreichen Fokussierung auf die Inflationsbekämpfung gleichermaßen bewundert und gefürchtet. Nach den polemischen Äußerungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators über die mangelnde Integration muslimischer Einwanderer und seiner Unterstellung, "alle Juden teilen ein bestimmtes Gen", musste die Bundesbank um Ansehen, Glaubwürdigkeit und Legitimität kämpfen. Das hat sie von ihren grundsätzlichen Aufgaben abgelenkt. Jetzt bleibt die Hoffnung, dass der Rückzug Sarrazins die in der Geschichte der Notenbank einmalige Angelegenheit rasch in Vergessenheit geraten lässt.

Bis zur Einführung des Euros wurde die Bundesbank aufgrund ihrer Rolle als geldpolitischer Schrittmacher für ganz Europa von der französischen Presse als "Monster" verteufelt und von den Engländern als alles überrollender "deutscher Panzer" beschrieben. Als Hüter der D-Mark, der Inkarnation einer starken Währung, die zum Symbol des Aufbaus nach 1945 wurde, herrschte die Bundesbank einst über ein größeres Territorium in Europa als jedes deutsche Reich der Geschichte.

Seit der Zentralbankrat seine Befugnisse 1999 an die Europäische Zentralbank übergeben und an den Märkten der Euro die D-Mark ersetzt hat, ticken die Uhren bei der Bundesbank langsamer. Jetzt widerfährt ihr ein Ungemach, das alles in den Schatten stellt. Das ehemals allmächtige Geld-Oberhaupt, der Oberkommandierende der europäischen Währungswelt, läuft Gefahr, zu einer Lachnummer degradiert zu werden.

Um die Ansichten eines mit skurriler Intelligenz ausgestatteten Beamten aus Berlin hätte sich im In- oder Ausland niemand sonderlich gekümmert. Doch Sarrazin konnte sie von seiner neuen Plattform als führende Figur einer in aller Welt hoch geschätzten Währungsbehörde propagieren. Mit der primären Aufgabe der Bundesbank, den Geldwert zu verteidigen und mitten in einer krisenhaften Periode der Währungsunion am Schutz des Euros mitzuwirken, haben die Behauptungen Sarrazins nicht das Geringste zu tun.

Eine historische Ironie: Sarrazins Sätze erhielten eine Relevanz weit über Deutschland hinaus, die im umgekehrten Verhältnis zur geschrumpften Bedeutung der Bundesbank stand. Zugleich beeinträchtigten sie gravierend das internationale Image der Währungshüter und damit auch der Bundesrepublik. Der Streit hat den Bundesbank-Präsidenten Axel Weber geschwächt.

Noch schlimmer: Die legendäre Unabhängigkeit und die exemplarische Reputation der Frankfurter wurden durch die zügel-, in gewisser Weise auch skrupellosen Äußerungen Sarrazins missbraucht und zugleich unterminiert. Denn der Ruf der Bundesbank geht nicht zuletzt auf ihre über Jahrzehnte hinweg erwiesene Fähigkeit zurück, mit komplexem Zahlenwerk fachmännisch umzugehen und daraus treffsicher die richtigen Schlüsse zu ziehen. Einige elementare Thesen Sarrazins fußen jedoch auf höchst dubiosen Interpretationen von Statistik. Dadurch schädigt er das Fundament einer seriösen Währungsbehörde: ihre technische Kompetenz und ihr Urteilsvermögen.

Kritik wird auch laut wegen des Einstellungsverfahrens für die Bundesbank-Spitze. Daran ändert auch die spät erfolgte Einigung auf Sarrazins Abtritt nichts. Als fragwürdig erscheint die Praxis der deutschen Politik, dort unbequemenen oder nicht mehr gebrauchten Landespolitikern einen Platz anzubieten. Sarrazin kam im Mai 2009 in die Main-Metropole: nicht weil er von der Bundesbank-Führung erwünscht war, sondern weil ihn der Berliner Senat loswerden wollte. Ist die Bundesbank so weit abgerutscht, dass sie nur noch als Entsorgungsanstalt für ausgediente Staatsdiener fungieren soll? Hätten nicht die publizistischen Pläne von Sarrazin vor dem Abschluss seines Anstellungsvertrags behandelt werden müssen? Hätte Bundesbank-Präsident Weber energischere Anstrengungen unternehmen können, um das sture Vorstandsmitglied an die Pflichten seines wohldotierten Amtes zu erinnern? Hätte die Bundesbank nicht mehr tun sollen, um ihrem neuen Kollegen wichtige Geschäftsbereiche anzuvertrauen, damit weniger Zeit für die Schreibarbeit verblieben wäre? Macht es sich die deutsche Politik zu leicht, wenn sie Sarrazin zwar auserkoren hat, der Notenbank aber die Hauptverantwortung für dessen Entlassung übertrug?

Da zeigt sich ein erstes drängendes Reformbedürfnis: Die dilettantische Weise, in der Spitzenpersonal über die Länderschiene rekrutiert wird, müsste schnellstmöglich geändert werden.

Es gibt allerdings einen bescheidenen Trost: Auch andere Länder haben ihre Notenbank-Affären, vor allem die Briten. Der jetzige Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, verdankt seinen Job einem Sexskandal des damaligen stellvertretenden Chefs der britischen Notenbank, Rupert Pennant-Rea, vor 15 Jahren. Der musste wegen einer Liebesbeziehung zu einer Finanzjournalistin zurücktreten. Einen wichtigen Unterschied zum Fall Sarrazin gibt es: Der britische wurde schnell erledigt.

Pennant-Rea, ehemaliger Chefredakteur des angesehenen Wirtschaftsmagazins "The Economist", musste 1995 seinen Platz räumen, nachdem ein Sonntagsblatt ausgeplaudert hatte, dass er mit seiner Freundin Geschlechtsverkehr auf dem Teppich seines Vorzimmers hatte. Kurz davor rätselte King noch, damals Chefvolkswirt der Notenbank, ob er je befördert würde, erwog sogar aus Verzweiflung die Rückkehr in das Universitätsleben. Aber der Rücktritt der hyperaktiven Nummer zwei verschaffte King den erwünschten Freiraum, später avancierte er zum Stellvertreter des Gouverneurs Eddie George. 2003, als George in den Ruhestand ging, beerbte ihn King als Gouverneur. Jetzt sitzt er unangefochten an der Spitze des operativ unabhängigen Instituts, das gestärkt aus den Finanzturbulenzen hervorgegangen ist.

Der Fall Pennant-Rea wurde zügig erledigt. Um weiteren Schaden von der Notenbank und seiner Familie abzuwenden, verschwand der Bank-of-England-Abenteurer sofort vom Bildschirm. Gerichtliche oder politische Nachwehen gab es nicht. Einige Zeit später tauchte Pennant-Rea als erfolgreicher Privatier wieder auf, ist noch heute in der City und in den feinen Londoner Clubs zu sehen, eine kultivierte Figur in eleganten Anzügen.

Parallelen zu seiner Geschichte gab es auch vor sechs Jahren in der Bundesbank. Der damalige Präsident Ernst Welteke ersuchte um seine Entlassung, um das Ansehen der Bank zu bewahren, nachdem bekannt geworden war, dass er sich zum Jahreswechsel 2001/ 2002 von der Dresdner Bank in das Berliner Luxushotel Adlon hatte einladen lassen. Bei unterschiedlichen Vorkommnissen und aus teilweise unterschiedlichen Motivationen haben Pennant-Rea und Welteke Loyalität gegenüber ihrer Institution gezeigt. Sie haben sicherlich das Richtige getan, um ihre Behörde vor weiteren Anfechtungen zu schützen. Entschieden anders dürfte der Fortgang der Sarrazin-Saga ablaufen. Wahrscheinlich mündet dies in ein langwieriges juristisches Nachspiel, das monatelang Politik wie Presse in seinen Bann ziehen wird.

Die Provokation ihres Vorstandsmitglieds rückt die Bundesbank im Ausland sicherlich nicht zum ersten Mal in ein schiefes Licht. Aber in der Vergangenheit erhitzten sich die Gemüter ausschließlich aufgrund von Querelen wegen der Funktionen der Notenbank. Mit der Geld- und Währungspolitik hatte die alte Bundesbank alle Hände voll zu tun. Nie hätte man sich wie im Fall Sarrazin in Auseinandersetzungen auf sachfremden Gebieten verstricken lassen.

Dass die Bundesbank gelegentlich für Irritationen sorgte, war aber von vorneherein klar, teilweise auch von ihr gewollt. In offiziellen Schriften der Banque de France wurde bereits in den 70er-Jahren gegen "die Tyrannei der D-Mark" polemisiert. Präsident François Mitterrand warf der Bundesbank Brutalität vor, hatte die D-Mark als "Nuklearwaffe Deutschlands" bezeichnet. Besonders Mervyn King ist seit Jahren nicht gut auf die Bundesbank zu sprechen. Durch spekulative Attacken auf das britische Pfund alarmiert, stattete King am 14. September 1992 als Chefökonom zusammen mit dem Chef-Wirtschaftsberater des britischen Schatzamts der Bundesbank einen Besuch ab. Die beiden wollten den deutschen Notenbankern klarmachen, dass der Kurs des Pfundes wirtschaftspolitisch realistisch sei, wurden jedoch vom damaligen Chefvolkswirt der Bundesbank, Otmar Issing, höflich, aber entschieden abgewiesen. Einen Tag später gab Bundesbank-Präsident Helmut Schlesinger durch einen nicht autorisierten, an die Nachrichtenagenturen verteilten Auszug aus einem Zeitungsinterview bekannt, dass eine weitgehende Währungsanpassung in Europa notwendig sei.

Das wurde auf den Devisenmärkten sofort als Anlass zu massiven Pfundverkäufen verstanden, was zu enormen Reserveverlusten für die Bank of England und am 16. September, dem "schwarzen Mittwoch", zum erzwungenen Ausstieg Großbritanniens aus dem europäischen Wechselkursmechanismus führte. Das unbefriedigende Ergebnis seiner Frankfurt-Reise sowie das demütigende Nachspiel bestärkten King in seiner bis zum heutigen Tag anhaltenden Skepsis gegenüber der Europäischen Währungsunion.

Schlesinger war der Typus des in der Nachkriegszeit geprägten Bundesbankers, der offenbar jetzt ausstirbt. Langjähriger Chefvolkswirt der Bank, stellvertretender Präsident in den 80er-Jahren unter Karl Otto Pöhl, Präsident in zwei bewegten Krisenjahren 1991-93, übte er sich in Zurückhaltung, wollte auf gar keinen Fall seine Memoiren schreiben. Nur etwas weniger diskret waren vier weitere Bundesbank-Präsidenten, Wilhelm Vocke (Präsident des Vorgängerinstituts, der Bank deutscher Länder), Karl Blessing, Otmar Emminger und Hans Tietmeyer, die jeweils nach dem Ruhestand Bücher unterschiedlicher Qualität und ohne große Enthüllungen über die währungspolitischen Ereignisse aus ihrer Amtszeit vorgelegt haben. Dass sich Vertreter des Bundesbankvorstands zu Schriften mit biologistischen Theorien über angeblich vererbte Dummheit von Migrantenkindern hätten verleiten lassen, war undenkbar. Das bizarre politisch-juristische Tauziehen um Sarrazin hat gezeigt, wie viele der alten Traditionen zerstört worden sind - mit Konsequenzen, auch für die Geld- und Währungspolitik, die auch nach seinem Rückzug unabsehbar sind.

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  • Die Ausführungen von Marsh hinsichtlich der Pfundkrise habe ich aber anders in Erinnerung.

    Schlesinger war ein farbloser Leisetreter. Es war George Soros, der Sept. 1992 mit anderen Spekulanten Unsummen gegen das britische Pfund einsetzte. Diese Spekulation brachte ihm einen Milliardengewinn und den beinamen „The man who broke the bank of England“ ein.

    Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die blütezeit der Deutschen bundesbank vorbei ist. Festsetzen der Geldmenge, Lombard- Diskontkredit, da wurden tatsächlich noch kreditpolitische beschlüsse gefasst.

    Alles Schnee von gestern!

    Wir haben uns von der EU wie eine reiche aber bekloppte Erbtante entmündigen lassen. Die bundesbank ist daher nichts anderes mehr als ein Vorgartenzwerg in Trichets Märchenwald. Da ist kein Ansehen mehr zu verlieren.

    Und wenn Weber dann wirklich einmal auf die Pauke haut, ist es eben nur ein Zwergenaufstand.

  • Theo Sarrazin und sein buch in eine Reihe mit einem bundesbanker, dem Korruption vorgeworfen wurde und einem englischen Staatsbanker zu stellen, dem Sexskandale nachgesagt wurden, zeigt deutlich, von welcher Qualität die Denkweise und Ergüsse des Herrn Marsh bestimmt ist: Ein ideologe, der gut mit Goebbels mithalten kann, ein verlogener Steigbügelhalter, der alles zusammenkonstruiert, was nötig erscheint, um jemanden zu diskreditieren und dies in ein Thema zu verpacken, das dafür nicht mißbraucht werden sollte: Wie kann sich Deutschland effektiv dagegen wehren, finanziell von den übrigen EU-Staaten zum eigenen Nachteil mißbraucht zu werden?

    Solidarität mit Thilo Sarrazin!

  • Margrit Steer, sie haben recht mit ihrer Meinung, sie sprechen mir aus der Seele. Die bundesbank ist seit dem entstehen Europäische Zentralbank durch die Politik zum zahnlosen Tiger geworden. Also was soll das Geschwätz???
    Danke

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