Essay
Die schwelende deutsche Frage

Die "deutsche Frage", so wird gerne behauptet, habe in Europa immer mindestens eine Hegemonialmacht erforderlich gemacht, wenn nicht sogar zwei. Das sei auch der Grund dafür gewesen, dass es nie das gegeben habe, was Charles de Gaulle einmal als ein Europa beschrieben hat, das nur europäisch sein will. Ein solches Europa hätte sich, so wird weiter argumentiert, nämlich schnell in einem selbst geschaffenen Konflikt aufgerieben.

Ich habe dieser Sicht nie zugestimmt, denn mir gefiel nicht, wohin dies am Ende hätte führen können: nämlich zu der Annahme einer immer währenden Vorherrschaft Amerikas über Europa.

Ich mochte diese Vorstellung schon allein deshalb nicht, weil ich glaube, dass sie auch einen unseligen Einfluss auf das geopolitische Denken in Amerika ausgeübt hat - indem es uns aus dem Gedankengebäude einer Republik, für die ich jede Sympathie habe, in die Vorstellungswelt eines Imperiums gedrängt hat. Eine Entwicklung, die so nur im Bösen enden kann. Ich dachte vor Jahren schon so, weil ich den fiskalischen und geldpolitischen Niedergang der USA in den 60er- und 70er-Jahren untersucht habe und schon damals zu dem Schluss kam, dass Amerika dabei war, sich zu übernehmen. Später hat Paul Kennedy dies in einem anderen Zusammenhang in die Worte vom "imperial overstretch" gefasst. Deshalb kann jede Hegemonie der USA keine Lösung von Dauer sein.

Was aber ist die "deutsche Frage" eigentlich? Warum führte dieses Land, das früher schon einmal geeint war, so oft gegen seine Nachbarn Krieg? Je mehr ich darüber las und nachdachte, umso mehr kam ich zu der Erkenntnis, dass das kaiserliche Deutschland nicht einfach böse, sondern nur unpraktisch war. Es war einfach zu groß für Europa. Frankreich, das seinen eigenen Niedergang fürchtete, suchte deshalb stets nach Allianzen, um Europas neuen Koloss in seiner Mitte zu zerstören. Und natürlich fand Frankreich dafür immer Verbündete. Bismarcks Deutschland war deshalb eingekreist, genauso wie der Kanzler dies immer befürchtet hatte.

Ich habe in diesem Zusammenhang Deutschland immer mit den USA verglichen. Amerika entstand ja ungefähr zur gleichen Zeit als politische und wirtschaftliche Supermacht wie das Deutsche Reich. Aber es war ein großer Vorteil, dass die USA in ihrem Rücken einen vollkommen unentdeckten Kontinent hatten, in dem sie ihre Energien entladen konnten.

Der Erste Weltkrieg hat dann deutlich gemacht, dass die alte europäische Machtbalance kein geeintes Deutschland vertrug. Am Ende des Krieges gab es drei geopolitische Lösungen für die "deutsche Frage": Die erste - traditionelle - war die Auflösung des Reiches. Die zweite die Installierung einer Hegemonialmacht, in diesem Fall der USA. Die dritte Lösung war die Pan-Europa-Vision von Coudenhove-Kalergi zum Aufbau eines föderalen Europas, eine alte Idee in neuem Gewand, um die beiden Feinde Frankreich und Deutschland miteinander zu versöhnen.

Der Zweite Weltkrieg brachte dann für die "deutsche Frage" eine dauerhaftere Lösung, indem alle drei Optionen miteinander verbunden wurden: Deutschland wurde gespalten, die Teile sowie der Rest Europas den jeweiligen Hegemonialmächten zugeordnet. Die Bundesrepublik konnte sich rehabilitieren und in eine europäische Föderation an der Seite ihres wichtigsten Partners, Frankreich, eingehen, überwölbt von Nato und EU.

Dabei war es für Amerika ein teures Unterfangen, an der Spitze der Nato zu stehen. Amerikas "overstretch" bekam in der Reagan-Zeit krisenhafte Züge. Pierre Hassner hat zu Recht gesagt, dass der Kalte Krieg ein Wettlauf um den Niedergang war. Glücklicherweise war der Niedergang der Sowjetunion viel dramatischer als der unsere. Während die bipolare Welt versank, gewann Europas Lösung der "deutschen Frage" - die Föderation rund um einen gemeinsamen Markt - zunehmend an Stärke.

Was aber würde aus der "deutschen Frage", wenn Deutschland wiedervereint war? Amerika und Europa beeilten sich, darauf eine Antwort zu geben: Die USA träumten von einer unipolaren Welt und begleiteten die deutsche Wiedervereinigung mit einer spezifischen deutsch-amerikanischen Allianz, genannt "partnership in leadership".

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