Essay: Die Stunde der Demagogen

Essay
Die Stunde der Demagogen

Der von den Mohammed-Karikaturen angeheizte Konflikt um Toleranz und Meinungsfreiheit verläuft nicht nur zwischen den Muslimen und dem Westen, sondern auch innerhalb der islamischen Welt. Dabei gibt es im Koran keinen Text, der die künstlerische bildliche Darstellung des Propheten verbietet.

Mit der Veröffentlichung von Karikaturen über die "Gesichter Mohammeds" hat die dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" Ende September vorigen Jahres den schon vorhandenen Riss im Verhältnis zwischen Orient und Okzident vertieft. So scheint es zumindest, wenn man die gegensätzlichen Reaktionen in der islamischen Welt und im Westen sieht. Was die einen als unverzeihliche Blasphemie empfinden, nehmen die anderen als normale Ausübung der Meinungsfreiheit wahr. Die Protestaktionen in fast allen islamischen Ländern haben mit der Brandschatzung der dänischen Botschaften in Damaskus und Beirut ein gefährliches Ausmaß erreicht.

Eine nähere Betrachtung des Konflikts zeigt, dass er nicht aus heiterem Himmel gefallen und keineswegs kultureller oder ästhetischer Natur ist. Die veröffentlichten Karikaturen sind nicht die Ursache des Konfliktes, sondern seine Folge. Den Streit über die Bilder des Propheten nur als Ausdruck des Kampfes zwischen einer freien und modernen Kultur auf der einen Seite und einer rückschrittlichen Zivilisation auf der anderen Seite zu bezeichnen ist eine bequeme Vereinfachung, die der Vielschichtigkeit und der Komplexität des Sachverhalts nicht gerecht wird. Wer die Ziele und Interessen der verschiedenen Multiplikatoren im Westen und in der islamischen Welt verstehen will, muss die Auseinandersetzung in den historischen und in den aktuellen politischen Zusammenhang stellen.

Die Front im Konflikt über die Meinungsfreiheit verläuft nicht nur zwischen dem Westen und der islamischen Welt, sondern auch innerhalb des Islams. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die einen vielleicht am Überfluss und die anderen sicher am Mangel an Freiheit leiden. Der vom ehemaligen Schah-Regime ermordete iranische, schiitische Reformer Ali Schariati hat während seines Aufenthalts im Westen in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts die unterschiedliche Lage westlicher und islamischer Intellektueller wie folgt veranschaulicht: Die einen litten an Kopfschmerzen, die anderen an Bauchschmerzen.

Dass die Person des islamischen Propheten wieder im Mittelpunkt der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit dem Islam im Westen steht, gehört zu den Ironien der Geschichte. Fast könnte man meinen, dass im aufgeklärten Europa Sichtweisen aus dem Mittelalter wieder auferstehen. Die während der Kreuzzüge entstandenen Feindbilder vom Islam und von Mohammed als Verkörperung des Bösen, als "Hauptgötze der Muselmanen", sind Bestandteil des geschichtlichen Bewusstseins in Europa. Sie wurden vor allem seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems von populistischen Teilen der Medien und Politik neu aufgelegt. So dient die islamische Religion besonders seit dem 11. September 2001 immer wieder als pauschale Erklärung für den islamistischen Terrorismus und Extremismus.

Vor diesem Hintergrund betraten die Karikaturisten des "Jyllands-Posten" ein Minenfeld und riefen auf islamischer Seite auch alte Feindbilder von einem neuen Kreuzzug gegen die für sie nach Gott heiligste Person hervor. Für gläubige Muslime ist Mohammed Gottes Gesandter, auserwählter Empfänger des heiligen Korans und Vorbild. Ihn zu beleidigen verletzt auf tiefste Weise ihre Gefühle. Dabei geht es nicht um die künstlerische bildliche Darstellung des Propheten. Es gibt keinen Text im Koran, der dies verbietet, wie es in den Medien verbreitet wird. Dieses Tabu ist das Werk von dogmatischen und fundamentalistischen Gelehrten und Bewegungen.

Seite 1:

Die Stunde der Demagogen

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%