Essay
Gemeinsam an allen Schrauben drehen

"Wenn alle die Notbremse ziehen, führt das zum totalen Stillstand." Hermann-J. Knipper, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatt, über die Ursachen der schlimmsten Weltwirtschaftskrise seit Jahrzehnten und die Chancen für den Neubeginn.
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HB. Keine Krise ohne Nörgler, die eineinhalb Jahre nach dem Zusammenbruch der Düsseldorfer IKB der schlechten Nachrichten überdrüssig sind. "Schreiben Sie mal wieder was Positives", mahnte uns dieser Tage ein schlauer Psychologe, der die Stimmung im Lande kippen sieht.

Diesen Gefallen wird und darf ihm die seriöse Presse nicht tun. Steigende Auflagenzahlen bei Zeitungen wie dem "Handelsblatt" und explodierende Internetklickzahlen wie bei www.handelsblatt.com beweisen: Die Bürger wollen möglichst schnell und möglichst viel erfahren über diese globale Wirtschafts- und Finanzkrise, die mit immer noch wachsender Wucht um den Erdball rollt. Sie wollen verstehen, was genau passiert. Warum es so weit kommen konnte, wie das Drama weitergeht, und wann es vielleicht endet. Wie sie ganz persönlich betroffen sind, und was sie dagegen tun können. Das Handelsblatt wird sich daher auch in Zukunft nicht davon abbringen lassen, die Krise nach allen Regeln des journalistischen Handwerks auszuleuchten, und wir zeigen das einmal mehr mit der heutigen Silvester-Ausgabe. Wir werden auch dann nicht nachlassen, wenn die Flut der düsteren Meldungen uns allen immer wieder die Laune verderben sollte. Wer sich amüsieren will, muss in diesen schwierigen Zeiten ins Kino gehen oder am Silvesterabend "Dinner for One" anschauen.

Selten in den letzten Jahrzehnten war die Lage so ernst. Auf dem ganzen Globus, ohne Ausnahme. Ein Ende der heftigsten Weltwirtschaftskrise seit Generationen ist beim besten Willen nicht in Sicht. Politiker und Wissenschaftler, Banker und Unternehmensmanager sind sich in der Analyse der Probleme nur in einem Punkt wirklich einig: So etwas hat es noch nicht gegeben. Überzeugende Rezepte oder gar Modelle zur Überwindung dieser vielschichtigen Megakrise sind leider nirgends zu erkennen. Rat- und Sprachlosigkeit und wirrer Aktionismus beherrschen die Debatten jener, die bisher als die Besserwisser vom Dienst galten. Auch das ist ein Teil des Problems.

Beginnen wir also mit den Ursachen der Krise, die noch längst nicht überwunden sind: Die Schwäche der Banken, die sich an faulen Hypothekenkrediten in den USA und vielen anderen Hochrisiko-Investments verhoben haben, dauert weltweit an. In ihrem jahrhundertealten Kerngeschäft, dem Managen von Risiken, haben atemberaubend viele Banker und Kontrolleure versagt. Investoren wenden sich von der Finanzbranche ab, nicht einmal die Banken untereinander leihen sich noch Geld, so dass es zwangsläufig zu einer Kreditklemme kommen muss, die die Finanzierung der gesamten Weltwirtschaft bedroht. Der Geldkreislauf trocknet aus, ein Infarkt scheint unausweichlich. Die Probleme der Banken, das Platzen der globalen Kreditblase sind aber nicht die einzigen Ursachen der Weltrezession. Es gab viele Blasen, die dummerweise fast zur gleichen Zeit geplatzt sind - etwa die Illusion vom endlosen Superwachstum der Schwellenländer wie China, Indien und Russland. Auch die Explosion der Rohstoff- und Ölpreise und die in ihren Auswirkungen völlig unterschätzte Vernetzung der globalisierten Wirtschaft. Dazu gehört sicher auch das Scheitern der westlichen Welt bei der Befriedung der Konfliktherde in Afghanistan und im Irak. Und zwar trotz aller militärischen Anstrengungen, die die Staatshaushalte längst überfordern. Außerdem waren Politik und Regulierer einfach zu schwach und zu ahnungslos, um der enthemmt expandierenden Finanzwelt noch folgen zu können. Die ganze Welt ist außer Kontrolle geraten.

Wie geht es weiter?

Zunächst zum Epizentrum der Krise: Weitere Schwächeanfälle im internationalen Finanzsystem und vieler einzelner Kreditinstitute sind in den nächsten Wochen und Monaten leider noch zu erwarten. Nachdem viele Banken schon mit wackelnden Häuslebauer-Krediten, Autofinanzierungen, Kreditkarten und Kreditversicherungen in Turbulenzen geraten sind, dürften als Nächste die klassischen Großgeschäfte der Banken in Not geraten - Gewerbeimmobilienkredite und Mittelstandskredite. Beide Bereiche sind akut von der Rezession betroffen. In den USA, dem Vereinigten Königreich, Spanien und womöglich auch bald in Mittel- und Osteuropa kann dies viele Banken in neue Probleme stürzen, auch deutsche. Hierzulande häufen sich ja schon jetzt die Ausfälle, zum Beispiel in der Auto- und Zuliefererindustrie. Wie sollen Banken diese zusätzlichen Bürden noch verkraften in einer Phase, in der sie ohnehin schon unter einem staatlichen Schutzschirm stehen oder noch hoffen, an ihm vorbeizuschrammen?

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