Essay
Generation Merkel: Unsere Krise

Die Mittfünfziger gehören zu einer glücklichen Generation, verschont von Krieg, Elend und Not. Nie wurden sie wirklich gefordert. Erst jetzt müssen sich die Merkels, Steinmeiers und Zetsches zum ersten Mal bewähren: Sie können sich hinter niemandem mehr verstecken. Kann die Generation in diesen schweren Zeiten führen?
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Diese Krise ist unsere Krise. Wir tragen mehr Verantwortung in dieser Krise als jede andere Generation. Und noch ist nicht entschieden, wie wir damit fertigwerden. „Wir“ – das sind Männer und Frauen, die in den 50er-Jahren geboren wurden und jetzt oben angekommen sind. Dort, wo entschieden wird. Dort, wo man aber auch krachend scheitern kann.

Natürlich finden sich unter den wichtigsten Krisenmanagern dieser Wochen auch Wunderkinder wie der neue Wirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg (gerade 37). Und an den Schalthebeln der Macht sitzen auch noch viele Altersgenossen Josef Ackermanns (61) und Peer Steinbrücks (62). Aber die Krise verlangt keiner Altersgruppe so viel ab wie unserer.

Vielleicht fällt das bisher so wenig auf, weil die Geburtsjahrgänge 1951 bis 1959 nur als graue Zwischengeneration gelten. Irgendwie eingeklemmt zwischen den rebellischen Achtundsechzigern und den heutigen Mittvierzigern – dieser neoelitären und leicht impertinenten Generation Cool mit ihrem überaus ausgeprägten Selbststilisierungsbedürfnis. Und doch spricht die schiere Zahl der heutigen Spitzenpolitiker, Zentralbanker und Industrielenker aus unserer Altersgruppe für sich: Angela Merkel (Jahrgang 1954) und Frank-Walter Steinmeier (geboren 1956). Gordon Brown (Jahrgang 1951), Nicholas Sarkozy (1953), Wladimir Putin (1952) und José Barroso (1956). Ben Bernanke (1953) und Axel Weber (1957). Dieter Zetsche (1953) und Peter Löscher (1957). Sie alle gehören zu einer Generation. Sie alle müssen jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben zeigen, was sie wirklich können.

Die Generation Steinbrück kämpft vor allem um ihr eigenes Bild in den Geschichtsbüchern. An der Schwelle zum Pensionsalter wird sie aber kaum noch hinter den Horizont der jetzigen Weltwirtschaftskrise blicken. Die Generation Guttenberg kann umgekehrt locker Krisenmanager spielen – ihre eigentliche Zeit kommt erst noch. Die Generation Merkel aber kann weder auf Altersmilde noch auf eine zweite Chance pochen, wenn sie jetzt versagt.

Man kann uns Generation Glück nennen

In Deutschland gehören wir Mittfünfziger zu einer zwiespältigen Generation. Man kann uns Generation Glück nennen – aber auch als Generation der verpassten Herausforderungen beschreiben. Zur Generation Glück gehören wir, weil wir in unserem Leben in einem geradezu unverschämten Maße von Krieg, Elend und Not verschont blieben. Wir wurden geboren, als die Nachkriegsnot schon weit hinter unseren Eltern lag. Wir gingen zur Schule, als es in Deutschland mit rasender Geschwindigkeit bergauf ging. Wir machten Abitur, als man sich noch nicht viel um den Numerus Clausus scherte (wenn man nicht gerade Zahnarzt werden wollte).

Wir gehörten zur ersten Studentengeneration nach dem Krieg, die nach Belieben durch die Welt reiste und sich in großer Zahl an ausländischen Eliteuniversitäten einschrieb. Wir konnten unsere Unijahre aber auch einfach verbummeln, unter der Sonne Indiens nach uns selbst oder in linksradikalen Politsekten nach dem revolutionären Proletariat suchen, ohne dafür anschließend zu büßen. Die liberale Gesellschaft, in der sich Freiheitsräume wie nie zuvor auftaten, integrierte uns alle.

Einen Einstiegsjob zu finden war für uns selbst mit schlechten Zeugnissen Ende der 70er-Jahre noch ziemlich leicht. Niemand fragte uns nach Auslandspraktika oder bot uns befristete Stellen an. Der Leistungsdruck blieb vergleichsweise bescheiden. Und unsere Gehälter stiegen fast automatisch, ohne dass wir allzu sehr darum bitten mussten.

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