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Essay: Gordon Gekko kehrt an die Wall Street zurück

Der Fall von Lehman Brothers war nicht die Ursache, aber die große Zäsur der Finanzkrise. Lehman hat uns wieder den Unterschied zwischen berechenbaren Risiken und unkontrollierbarer Unsicherheit bewusst gemacht. Die Lehre daraus: Wir müssen den Umgang mit Risiken neu lernen.

Finanzhai Gekko alias Michael Douglas aus "Wall Street": Täter kehren meist an den Tatort zurück. Quelle: picture-alliance
Finanzhai Gekko alias Michael Douglas aus "Wall Street": Täter kehren meist an den Tatort zurück. Quelle: picture-alliance

Täter kehren meist an den Tatort zurück. So ist es mehr als nur Zufall, dass Gordon Gekko ausgerechnet am ersten Todestag der Wall Street den Ort seiner Finanzverbrechen wieder aufsucht. Gekko ist jener Finanzhai in dem Filmklassiker "Wall Street", mit dem der amerikanische Regisseur Oliver Stone die Gier an der New Yorker Finanzmeile in den 80er-Jahren personifizierte. In diesen Tagen, da sich die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers und damit der Anfang vom Ende der Wall Street zum ersten Mal jährt, beginnt Stone an der New Yorker Finanzmeile mit den Dreharbeiten für den zweiten Teil seines Klassikers.

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Im Zentrum des neuen Films stehen diesmal weniger die Bankentürme in Manhattan, sondern der gräuliche Renaissance-Bau der New Yorker Federal Reserve an der Südspitze des Big Apple. Hier, an einem Konferenztisch in einer früheren Schalterhalle im ersten Stock, haben sich vor zwölf Monaten 36 dramatische Stunden abgespielt, die erst die Pleite von Lehman und dann das Schicksal der gesamten Wall Street besiegelt haben. Steht das Synonym "Wall Street" doch für jenes Geschäftsmodell der großen Investmentbanken, das damals offiziell zu Grabe getragen wurde.

Die Nachrufe waren jedoch verfrüht. Nach zwölf Monaten scheint die Gier zurückgekehrt: Die Gewinne und die Boni jener Investmentbanker, die das Finanz-Inferno im September 2008 überlebt haben, sprudeln wieder. Die Rückkehr des Filmhelden Gekko, der an der Wall Street immer noch Kultstatus genießt, kommt also gerade rechtzeitig. Und Lloyd Blankfein kann mit Genugtuung den amerikanischen Schriftsteller Mark Twain zitieren: "Meldungen über unser Ableben sind weit übertrieben", sagte der Goldman-Sachs-Chef auf einer Handelsblatt-Tagung in Frankfurt. Kurz zuvor hatte seine Bank zwischen April und Juni einen neuen Rekordgewinn von 3,44 Mrd. Dollar eingefahren. Nahezu der gesamte Profit kam aus dem Investment-Banking.

Fast sieht es so aus, als sei den Bankern nach der Vertreibung die Rückkehr ins Paradies gelungen. Ist der Lehman-Schock also bereits verdaut und vergessen? Noch nicht. Noch steckt Bankern die Angst in den Knochen, sie könnten wie Lehman untergehen. Hat doch die Pleite der Investmentbank den Aberglauben einer krisensicheren Finanzwelt endgültig zerstört. Kein Risikomodell, und sei es noch so ausgefeilt, kann die Unsicherheit über die Zukunft aus der Welt schaffen. Lehman hat uns erst wieder den Unterschied zwischen berechenbaren Risiken und unkontrollierbarer Unsicherheit bewusst gemacht, den der amerikanische Ökonom Frank Knight bereits in den 20er-Jahren herausgearbeitet und auf den John Maynard Keynes seine ganze Wirtschaftstheorie in den 30er-Jahren aufgebaut hatte. Banker, Unternehmer und Politiker müssen nach Lehman mit dieser Unsicherheit neu leben lernen und auch das Undenkbare einkalkulieren.

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