Essay

Griechenland stellt Europa vor die Wahl

Europa steht vor dem Scheideweg: Die Euro-Krise zwingt die Länder zur Entscheidung, ob sie eine politische Union oder einen lockeren Staatenbund wollen. Die Antwort können die Europäer nur gemeinsam finden.
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Die europäische Flagge vorm Brandenburger Tor. Quelle: ap

Die europäische Flagge vorm Brandenburger Tor.

(Foto: ap)

BerlinEuropa ist geteilt - erneut. Es gibt das selbstverständliche, alltägliche Europa, wo Liebespaare in der Lufthansa-Werbung („Er aus Frankfurt, sie aus Mailand“) und in der Wirklichkeit über alte Grenzen hinweg übers Wochenende zueinander jetten. Der britische Historiker Timothy Garton Ash nennt das im Handelsblatt-Interview das Europa der „Easyjet-Generation“. Zu unserer alltäglichen Lebenswirklichkeit gehört inzwischen auch, dass Menschen aus Kiel in Madrid arbeiten oder studieren, sich dort niederlassen und eine Familie gründen. Dass schwäbische Maschinenbauer ihre Anlagen nach Turin oder Dublin liefern, als wäre es im benachbarten Bayern. Es ist das Europa, das wir nicht missen möchten, das uns lieb und teuer ist.

Das andere Europa ist das der Schuldenstände, Rettungspakete und Risikoaufschläge. Es ist das der Dauerkrise, des Misstrauens, der zunehmenden Entfremdung. Dieses Europa erschöpft uns, lässt uns (ver)zweifeln, und viele sind gerade dabei, diesem Europa den Rücken zu kehren. Eine Umfrage des Pew Research Centers hat herausgefunden, dass die Mehrheit der Europäer nicht „mehr Europa“ will. Eine Kontrolle des nationalen Haushalts durch die Eurokraten in Brüssel wünschen sich aus verständlichen Gründen nur die Italiener.

Dass wir in diesen beiden Parallelwelten leben und nicht die geistige und emotionale Brücke von der einen zur anderen schlagen, ist der erste Grund, warum nicht nur der Euro, sondern die ganze Idee der europäischen Einigung infrage steht. Herauskommen aus der Krise werden wir aber nur, wenn die beiden Europas, das alltägliche und das technokratische, wieder zusammenwachsen. Wenn wir (wieder)entdecken, dass uns nicht nur gemeinsame Geschichte und Kultur vereinen, sondern auch der Alltag, die Art und Weise, wie wir jetzt und zukünftig leben wollen. Und wenn daraus ein politischer Wille der Bürger zur Einigung Europas erwächst.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Der Autor

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

Aber die Sache ist viel komplizierter. Wir brauchen nicht nur den politischen Willen einer breiten Mehrheit. Ein Europa, das auch wirtschaftlich vereint sein will, muss funktionieren. Das heißt: Die Menschen müssen den unmittelbaren Nutzen einer Wirtschafts- und Währungsunion erkennen können. Spätestens seit Ausbruch der Schuldenkrise wissen wir, dass der wirtschaftliche Erfolg ganz entscheidend dafür ist, ob die Menschen bereit sind, diesen Weg der Einigung mitzugehen. Diese Dynamik kennzeichnet den Weg des Kontinents seit Gründung der Montanunion 1951.

Euro-Bonds sind weltfremd
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57 Kommentare zu "Essay: Griechenland stellt Europa vor die Wahl"

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  • >> sind auch wir Deutschen dazu bereit? <<
    Ganz sicher nicht mit den gegenwärtigen Stimmverhältnissen innerhalb der EU, die in keinem Verhältnis zur Haftung innerhalb derer stehen.
    Das sollte auch Frau Merkel reflektieren.
    Sonst wird es schon hierzulande letztendlich nicht fruchten.

    Und die Europäer insgesamt dürften sicher auf ihre demokratischen Rechte pochen, die die Eurokraten ihnen bis heute meinen vorenthalten zu müssen.

    Im übrigen müssten die EU-Schuldenprotagonisten reflektieren, dass die "verbündeten" Angelsachsen wenig bis kein Interesse an einem stärkeren heißt selbstbewussteren Europa hat, sondern, natürlich, zuallererst eigene Finanzinteressen verfolgt.

    >> Firmenchefs, die von der Einheitswährung stark profitieren <<
    Die dt. Exportfirmen profitierten von einer via Euro möglichen schuldenpromovierten Zusatznachfrage, der es indes nicht bedurfte; Dtld. hatte schon bei der Euroeinführung vielmehr Binnen(nachfrage)probleme.

    >> Wir brauchen ein Modell konzentrischer Ringe unterschiedlich starker Integration, wie es der ehemalige britische Außenminister Lord Owen in einem Gastbeitrag andeutet. <<
    Heißt Ringe mit jeweils in etwa gleichen wirtschafltichen Voraussetzungen => 'Nord'- und 'Südeuro'.
    Sowas hätte den Charme relativ gleichmäßigerer Lastenverteilung in punkto wirtschaftlicher Transformationserfordernisse, die ein Ende des jetzigen Währungsverbundes mit sich brächte.

    /Daraus/ könnte dann mal mehr werden.

  • Europa ist ein Kontinent mit vielen unterschiedlichen Ländern, Sprachen und Kulturen.
    Das macht ja auch gerade den Charme aus.
    Wir haben es doch immer im Urlaub genossen, die leichte Lebensart der Italiener, die so anders ist als unsere, die Gastfreundschaft der Griechen, die Sonne in Spanien, die rauhe und uns fremde Landschaft in Schweden oder Norwegen. Das Essen in Frankreich. Ein frisches Baguette holen und unterwes essen, weil es so anders schmeckt als bei uns, im Straßenkaffee einen Kaffee trinken und den Urlaubstag genießen und die Liebenswürdigkeit der Menschen erleben.
    Wir hatten mit der größten Selbstverständlichkeit Kampingwagen in Holland an der Küste,
    wir konnten unsre Kinder viele Wochen nach England in Sprachenschulen schicken und sie wurden liebevoll aufgenommen.
    Das alles und noch mehr war Europa über viele viele Jahre.
    Und heute? Die deutsche Kanzlerin stellt sich in die Medien und beschimpft und maßregelt die anderen europ. Staaten, sie sollen mal mehr arbeiten und später in Rente usw., ganz nach dem Motto "Am Deutschen Wesen soll mal wieder die Welt genesen" Ich dachte, das hätten wir hinter uns. Das hat esauch zuvor nie in unsrer Budnesrepublik gegeben
    Und heute haben wir neuen Unfrieden in Europa. Der von Frankreich erzwungene Euro, dieses Kunstgeld, spaltet und bringt Unfrieden und verarmt die Bürger, denn dieser Euro hat von Anfang an nur den Banken, der Finanzwirtschaft und der Großindustrie sowie den Zockern genützt.
    Aber leider konnten sie nicht damit umgehen und haben den Euro ausgereizt zu Lasten der Bürger.
    So ein Europa will ich nicht
    Kehren wir endlich zu den Wurzeln zurück, zum Europa der Friedenspolitiker Adenauer und de Gaulle

  • Teil III
    Unsre eigenen Politiker sind an Erbärmlichkeit mit ihrem ewigen Schuldkult, den sie usn s tändig um die Ohren hauen, nicht mehr zu überbieten
    Leider ist unsere Opposition, die SPD, voll auf diesem Kurs, das ist das eigentlich Tragische. Und auch die derzeitige Kanzlerin, die den Rettungswahnsinn ja begonnen hat und schon lange von einem Zentralstaat Europa faselt, weil sie offenbar Probleme mit Demokratie hat.
    Politiker, die ihr eigenes Land verkaufen ist das Schlimsmte was einem Land, einem Volk passieren kann.
    Unsere Politiker sollten sich Art. 20 unsres GG endlich einmal in Großbuchstaben über ihre Schreibtische hängen, denn offenbar kennen sie diesen Artikel nicht
    Unsere Politiker haben dem deutschen Volk zu dienen und nicht Banken und der Finanzindustrie und anderen Staaten
    Und sie soltlen auch mal daran

  • Herr Riecke hat einen wichtigen Aspekt vergessen: Schon lange vor den finanziellen Schwierigkeiten in den Euroländern habe ich meine Begeisterung für Brüssel verloren, denn von dort kommt nichts als dümmliche Bevormundung. Die zwangsweise Einführung der hochgiftigen Energiesparlampen war bisher das Sahnehäubchen. Noch verlogener, bar jeder Moral und jeden Anstands kann eine politische Institution nicht mehr agieren.

    Im finanziellen Zusammenbruch sehr ich die Möglichkeit, diesen bürokratischen Leviathan für immer versenken zu können.

  • Teil I
    Herrn Riecke sei Dank für diesen wirklich guten Artikel
    Er hat es voll auf den Punkt gebracht
    Die Europäische Idee der damaligen Politiker, hier vorrangig Adenauer und de Gaulle, war eine wahrhaft gute Idee und wir alle hatten viele Jahre eine gute europ. Union, in welcher wir nach dem schrecklichen Krieg in Frieden und Freundschaft miteinander lebten, Handel betrieben etc.
    Ja und Herr Riecke hat Recht mit diesem Euro. Es war eine kriminelle Tat, unterschiedlichen Ländern ein Geld überzustülpen, das konnte nicht gut gehen.
    Anstatt das unsre Eurofanatiker am Euro festhalten, auf die Gefahr hin, ganz Europa zu zerstören, sollte jetzt endlich die Rückabwicklung erfolgen zum Wohle aller
    Und nein, wir Bürger wollen kein zentralistisches und somit diktatorisches Europa wie es diese FDJ-Merkel will und wie es aus dem diktatorischen Brüssel gefordert wird.
    Über unsere Wirtschaft, meine Rente, Urlaub usw. hat kein Beamter in Brüssel, den wir nicht gewählt haben, zu bestimmen. Diese ganzen Herrschaften nehmen sich schon jetzt Rechte heraus, die wir ihnen nie gegeben haben.

  • Ernst
    Der Meinung kann ich mich voll und ganz anschließen

  • EuroAPO
    Eien sher gute #Analyse. Dem ist nichts hinzu zu fügen

  • @Delinix
    Guter Kommentar, dem ich nur zustimmen kann und vielleicht etwas Schärfe hinzufügen würde. ;)

    Ein europäisches Bewusstsein ist übrigens eine reine Kopfgeburt der Eliten. Das klingt für mich doch sehr nach sozialistischer Internationale und Auflösung von Nationhood und in letzter Konsequenz der Völker Europas.

    Dieser Traum ist für mich ein Alptraum, denn das würde totalitären Kollektivismus bedeuten.

  • Sehr richtig! Ich kann doch nicht NOCH einmal auf dieses Gutmenschen-Gerede hereinfallen. Damals hat man mich mit den fortgefallenen Geldumtäuschen an den Grenzen über das fehlende demokratische Einverständnis mit dem Euro hinwegzutäuschen versucht. Und es ist sogar gelungen, mich eine Weile an die angebliche europäische Idee glauben zu lassen. Inzwischen ist es aber doch klar geworden, WEM dieses Europa gehören soll. Auch wenn sich der flammende Artikel noch so toll liest (der Gutmenschen-Anteil in mir hat sich gerade wieder gemeldet) – die angebliche europäische Idee wurde verraten. Wenn diese Sache mit Europa eines Tages tatsächlich funktionieren soll, dann dürfen nicht wieder die gleichen Leute, die sich ihre Entwürfe womöglich von Lobbyisten tippen lassen, ans Werk gehen.
    ALLE Völker – auch die Deutschen – sollten befragt werden, wie sie sich ein vereintes Europa vorstellen. Es sollte mehrere Versionen dieser Idee zur Auswahl geben und es sollte eine Abstimmung darüber geben. Und dann VORN anfangen und nicht hinten.

  • Herr Riecke hinterlässt den Eindruck, wir Bürger hätten es in der Hand, wie das Europa der Zukunft aussieht. Habe ich da etwas verpasst? Ich habe seit langem eher den Eindruck, dass die Banken und Grossanleger unsere Geschicke bestimmen und die Politik stets hinterher rennt, um so zu tun, als sei sie Erster.

    Zum Euro:
    Es ist auch gar nicht mehr die Frage, ob der Euro Grundstein oder Krönung ist. Das sind alles alte Kamellen. Denn er ist inzwischen der Keil, der Europa spaltet. Er wurde falsch konstruiert, zum falschen Zeitpunkt eingesetzt und von den falschen Leuten dirigiert.
    Er war einfach ein Irrtum.
    Herr Riecke, wenn Sie sich verlaufen haben, gehen Sie wahrscheinlich auch nicht einfach weiter den falschen Weg entlang in der Hoffnung, der Zufall möge Sie doch noch ans Ziel bringen. Sie kehren vielmehr um, gehen zum Ausgangspunkt zurück, machen sich schlau, führen jetzt endlich zuerst einmal die europäische Debatte über Rentenalter, Sozialleistungen, Lohnhöhen, Kündigungsrechte, Bankenaufsicht, Steuern etc. und wählen DANN den richtigen Weg.
    Der Euro muss erstmal weg, damit es weiter gehen kann mit einem irgendwann vereinten Europa.

    Zum europäischen Bewusstsein:
    Und was nützt mir denn mein europäisches Bewusstsein, wenn ich meiner demokratischen Rechte beraubt werde? Wenn das Parlament, das ich wähle, nur noch eine Attrappe ist und kein Budget mehr haben wird, über das es zu entscheiden gilt? Wenn undemokratische Institutionen, die nicht wählbar und nicht kontrollierbar sind und auch nicht der Justiz unterstehen, das Sagen in Europa bekommen?
    Sie haben ja Recht, wenn Sie von einem vereinten und starken Europa träumen. Aber so einen Traum kann man nur in der richtigen Reihenfolge realisieren. Erstmal also raus aus dem Euro und weg damit.

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