Essay
Liberalismus contra Kulturkampf

Während wohl temperierte Symposien der Akademien und Stiftungen den Dialog der Religionen loben, wird die Stimmung im Rest der Gesellschaft hitziger. Jedoch: Wer die Herausforderung des Islams meistern will, muss eigene Werte selbstbewusster vertreten, statt "christliche Wurzeln" zum verbindlichen Prinzip zu erheben.

Während wohl temperierte Symposien der Akademien und Stiftungen den Dialog der Religionen loben, wird die Stimmung im Rest der Gesellschaft hitziger. Die Angst vor dem "Kampf der Kulturen" geht um. 65 Prozent der Deutschen rechnen laut einer Allensbach-Umfrage damit, dass es in Zukunft zu schweren Konflikten zwischen der westlichen und der arabisch-muslimischen Welt kommen werde. 83 Prozent urteilen, der Islam sei von Fanatismus geprägt. 60 Prozent glauben, er sei undemokratisch.

Angefeuert werden solche Sorgen von Berichten über Deutsche, die in mehrheitlich von Muslimen bewohnten Stadtteilen tagtäglich als "Schweinefleischfresser" beschimpft würden. Medial aufgepumpte Ereignisse wie die Probleme an der Berliner Rütli-Schule oder Berichte über Muslime, die das antiwestliche Gewaltspektakel "Tal der Wölfe - Irak" bejubeln, scheinen die Ängste zu bestätigen. Spätestens seit dem Konflikt über die Mohammed-Karikaturen haben auch besonnene Intellektuelle den Eindruck, man stehe einem aggressiv-reaktionären Islam schlecht gewappnet gegenüber: Der postmoderne Westen verfügt über keinen ideologischen Panzer.

Das lässt nicht nur Konservative nach einer Leitkultur, am besten im Taschenformat als Fragebogen, und nach der Rückbesinnung auf die Wurzeln des christlichen Abendlandes rufen. Bereitwillig springen die Kirchen in die Bresche: Der evangelische Bischof Wolfgang Huber stellt eine Wertekrise in unserer Gesellschaft fest, die sich mit der Abwendung von der christlichen Religion erklären lasse. Denn nur die könne letztlich fundamentale Werte wie die Menschenwürde sicher begründen.

Die kirchliche Reaktion auf die vermeintliche Bedrohung durch den Islam enthält dabei eine bemerkenswerte Behauptung: Wir hätten die Orientierung mangels ideologischer Geschlossenheit verloren. Der katholische Bischof von Augsburg, Walter Mixa, amüsiert sich gar über die westlichen Gesellschaften, die lediglich "ein Konglomerat nur aufgeklärt sich dünkender Versatzstücke" seien. Entscheidendes sei in Vergessenheit geraten, dass nämlich Freiheit nur "ein sekundäres Prinzip" sei, das "Heilige" dagegen absolute Würde habe.

Sind also die Muslime gar nicht unser eigentliches Problem? Verbergen sich hinter den Sorgen über den Kampf der Kulturen eigene Zweifel am bisher dominierenden politischen Liberalismus und am Kapitalismus sowie ein diffuses Gefühl, eine Gesellschaft im Abstieg zu sein?

Denn dies ist das eigentlich Neue an der Debatte. Lange Zeit, fast 1 000 Jahre, hat der Westen im Kampf um ideologische, militärische und technische Vorherrschaft unangefochten dominiert. Die schrittweise Individualisierung, die fortschreitende Befreiung des Menschen aus alten sozialen und ideologischen Mauern hat eine unglaubliche wirtschaftliche Dynamik freigesetzt, die es dem Westen letztlich erlaubt hat, weite Teile der Welt mit seinen Ideen zu prägen.

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