Essay
Profiteure der Krise

Die Weltwirtschaftskrise ist ein Weckruf, es schält sich eine neue Weltordnung heraus: Nach der Rezession werden die USA schwächer, während China und weitere Länder stärker dastehen. Auch geopolitisch gewinnen sie an Einfluss. Ausgerechnet in Deutschland, das so abhängig ist vom Export, finden kaum geostrategische Debatten statt.
  • 1

Ende Juni rammt im südchinesischen Meer vor der philippinischen Küste ein U-Boot ein schwimmendes Ortungssystem der US-Marine. Zur selben Zeit wird der kanadische Konzern Addax Petroleum verkauft, der über Ölreserven im Irak und in Westafrika verfügt.

Zwei kleine Meldungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Bei näherem Hinsehen allerdings wird ein Zusammenhang deutlich. Beide Male kommen die Akteure aus China, dem Land, das derzeit in rasantem Tempo in eine Rolle als Supermacht vorprescht. Denn das kanadische Unternehmen wird von dem zweitgrößten chinesischen Rohstoffkonzern, Sinopec, gekauft. Und den Unfall verursachte ein chinesisches U-Boot - nicht ganz unabsichtlich, wie amerikanische Militärs vermuten, sondern als deutliches Zeichen der neuen militärischen Präsenz sogar vor der asiatischen US-Militärbasis Subic Bay.

In Deutschland werden diese Veränderungen bisher kaum wahrgenommen. Seit der Wiedervereinigung hat sich der Blick der größer gewordenen Bundesrepublik vielmehr verengt. Die deutsche Politik und Öffentlichkeit beschäftigt sich vor allem mit sich selbst: der Rettung von Opel, dem staatlichen Zuschuss für den Druck eines Quelle-Kataloges, der Beschränkung der Managergehälter und natürlich der Bundestagswahl.

Ausgerechnet im Land des Exportweltmeisters, dessen Wirtschaft wie die von kaum einem anderen Land mit Volkswirtschaften auf allen Kontinenten verflochten ist und von Entwicklungen in anderen Staaten abhängt, gibt es keine großen geostrategischen Debatten.

Kein Wunder, dass deshalb etwa das Desinteresse am Bundeswehreinsatz in Afghanistan die Regel ist und allenfalls dann durchbrochen wird, wenn es bedauerlicherweise Opfer zu beklagen gibt. Wenig erstaunlich auch, dass es schon Anstoß erregt, wenn in dem sicherheitspolitischen Weißbuch der Bundesregierung die Formulierung steht, zu den deutschen Interessen gehöre auch der Schutz der internationalen Handelsrouten. Wohlstand muss sein, doch man möchte sich bitte nicht damit auseinandersetzen müssen, wie sehr er von internationalen Entwicklungen abhängig ist. Denn die steigenden Arbeitslosenzahlen zeigen, wie sehr ein Einbruch der Nachfrage in anderen Teilen der Welt sofort auch Deutschland schadet.

Die Weltwirtschaftskrise ist ein Weckruf. Anders als George Bush senior es sich nach dem ersten Irak-Krieg Anfang der neunziger Jahre träumen ließ, schält sich nun tatsächlich eine neue "Weltordnung" heraus. Die Schwellenländer - vom Westen bis vergangenes Jahr noch an den diplomatischen Katzentisch verbannt - reden plötzlich wirklich mit.

Die Krise trifft einige Staaten erkennbar stärker als andere. Keineswegs schrumpfen alle Volkswirtschaften in diesem Jahr. Und je länger die Krise dauert, desto klarer wird, wen sie im Endeffekt sogar stärkt und wen sie schwächt.

Seite 1:

Profiteure der Krise

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Seite 6:

Kommentare zu " Essay: Profiteure der Krise"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Der Essay "Profiteure der Krise" vom 28.07.2009 ist zwar nicht mehr taufrisch... aber im zeitlichen Abstand, wahrscheinlich noch aufschlußreich.

    Aus der US-Hypothekenkrise entwickelte sich die weltweite banken- und Wirtschaftskrise, die die amerikanische Finanzpolitik mit verursachte. Seit Alan Greenspans US-Notenbankchefzeit hat sich bis heute die US-Politik nicht geändert, sie kann diese Weltwirtschaftskrise daher noch in die Länge ziehen.

    Die Vermutung: "Je länger die Krise dauert, desto klarer wird, wen sie im Endeffekt sogar stärkt und wen sie schwächt", wurde daher m. E. etwas verfrüht ausgesprochen.

    Es dürften die Länder sein, die der amerikanischen Finanzpoitik am wenigsten unterliegen; dabei dürfte Russland bessere Karten haben als sie hier vermutet werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%