Essay
„Schulpolitik ist grauenvoll“

Deutschland hat einen Schwachpunkt: die Bildung. In der Diagnose sind sich die Politiker weitgehend einig. In der Therapie doktern sie aber mit verschiedenen Mitteln herum, statt den Schulen mehr Chancen zur Selbstheilung zu geben.
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In den deutschen Schulen wird wieder Hand angelegt: In den Ferien sieht man vielerorts Eltern, die die Schulklasse ihrer Kinder renovieren, weil die Stadt das Geld hierfür nicht mehr aufbringen kann. Beginnt dann das Schuljahr, wird eine Toilettenumlage zur Bezahlung von Putzhilfen eingesammelt, denn der Schulträger steht für die Sauberkeit der Hygieneräume nicht mehr gerade. Und am Tag der offenen Tür in einem rheinischen Gymnasium müssen die 9er Klassen diesmal nicht antreten, weil es nicht genügend Räume gibt, die man Besuchern vorführen möchte.

Was an Zustände in der Dritten Welt erinnert, ist Alltag in einem der reichsten Länder der Erde. Obwohl die Politiker immer wieder betonen, im internationalen Wettbewerb komme es vor allem auf den Rohstoff in den Köpfen an. Aber nur ein ganz neuer Ansatz kann diesen Rohstoff fördern: Schulen und Schüler brauchen mehr Freiheit und zugleich mehr Ruhe vor politischen Experimenten.

Doch wenn man Willensbekundung an dem misst, was die Politik bereit ist, für ihr vermeintliches Herzensanliegen auszugeben, dann klaffen Worte und Taten weit auseinander. Das Ergebnis ist beschämend: Nach dem Bildungsbericht der OECD, der kürzlich für 2007 vorgelegt wurde, ist in Deutschland der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt wieder gesunken: von 5,3 Prozent 2001 auf nur noch 4,7 Prozent. Der Durchschnitt der 20 OECD-Länder liegt bei 5,7 Prozent, hinter Deutschland rangieren nur die Slowakei, Tschechien und Italien.

Ein Eingeständnis des Scheiterns ist der im Auftrag der Kultusministerkonferenz geschriebene Bildungsbericht 2010: Er sieht eine "zunehmende Kluft" zwischen Kindern und Jugendlichen, die Bildungsangebote erfolgreich nutzen, "und jenen, bei denen sich Benachteiligungen eher kumulieren". Dem sei "entschiedener" zu begegnen. Derzeit aber wachsen die Unterschiede in den Bildungschancen nach Geschlecht, sozialer Herkunft und Migrationsstatus noch weiter.

Symbolträchtig für den Zustand des Bildungswesens ist, dass die Schule, die man die "Haupt"-schule nennt, häufig mit dem Adjektiv "sterbend" versehen wird. Sie ist vor allem in den größeren Städten die Einrichtung, in der Schüler landen, deren Eltern es versäumt haben, sich mit aller Kraft gegen den Abstieg zu wehren. Realschullehrer sagen, ihnen falle es immer schwerer, Kinder, die sich bei ihnen nicht bewähren, auf die Hauptschule zu schicken. Dies komme einem Verdammnisurteil gleich. Also bleiben die schwächeren Schüler und bremsen den Lernerfolg. Aufs Gymnasium, das einst dazu diente, eine Leistungselite heranzuziehen, gehen inzwischen rund 50 Prozent eines Jahrgangs - es ist zur neuen "Haupt"-schule" geworden.

Vielleicht erklärt dies, dass sich das Gymnasium der besonderen Aufmerksamkeit der Bildungsreformer erfreut. Deren letzter großer Coup war in vielen Bundesländern die Einführung von G8, die Verkürzung der bisherigen Gymnasialzeit bis zum Abitur von neun auf acht Jahre. Das fehlende Jahr müssen die Kinder jetzt vielerorts durch ausgedehnten Nachmittagsunterricht hereinholen - die versprochene Straffung des Lernstoffs lässt auf sich warten. "Wenn ein 13-Jähriger mehr als 40 Stunden hat, dann muss man doch nachdenken", fasst ein kritischer Schulleiter seine Erfahrungen zusammen.

Aufreizend wirkte auf viele Eltern die Überstürzung, mit der die Reform betrieben wurde. So warteten zwei Jahre nach dem Start die Schulen oft noch auf die passenden Bücher. Diese rücksichtslose Eile drängt den Verdacht auf, dass es den Politikern eher um ein Mittel zur Kostensenkung ging: Immerhin spart die Reform eine komplette Klassenstufe und somit viele Lehrerstellen ein.

"G8 ist noch lange nicht bewältigt", schallt es aus den Schulen. Dennoch gibt es schon wieder neue Überlegungen: Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann trat zu Beginn ihrer Amtszeit im Sommer mit der Idee hervor, den Gymnasien im Land eine freiwillige Rückkehr zu G9 zu ermöglichen. Eine Lehrerin stöhnt: "Ich bin seit mehr als zehn Jahren Beratungslehrerin für die Oberstufe - und habe noch keinen Jahrgang nach dem gleichen Schema zur Prüfung bringen können. Nie ist was besser geworden. Schulpolitik ist grauenvoll."

Der bildungspolitische Eifer in vielen Bundesländern hat eine einfache Ursache: Die Schulpolitik ist die wichtigste Aufgabe, die den Ländern noch geblieben ist. Oft ist sie die einzige Chance für Landesparteien, sich von der Konkurrenz abzuheben. Nach gewonnener Wahl müssen dann Versprechen erfüllt werden, womit neue Unruhe in die Schulen getragen wird.

Weil die Länder hier sehr selbstbezogen agieren, sieht die Bildungslandschaft überall anders aus. Ein Wohnortwechsel über eine sonst nicht mehr wahrnehmbare Landesgrenze hinweg bedeutet für Schüler oft, in ein gänzlich anderes Schulsystem zu geraten - nach dem Umzug beginnt die Aufholjagd.

Auch sonst produziert der Föderalismus manch fragwürdige Blüte. Eine Landespolitikerin erzählt, wie sich die Länder die Lehrer mit gesuchten Qualifikationen "gegenseitig abjagen". Dies geschieht etwa, indem man angestellte Pädagogen im Nachbarland, die dort aus Altersgründen nicht mehr verbeamtet werden, ganz offen mit dem Hinweis lockt, bei einem Standortwechsel über die Grenze sei dies sehr wohl noch möglich. Zehn Jahre Unterschied zum Nachbarland können da schon einmal drin sein. Die Hessen etwa machen noch 45-Jährige zu Beamten.

In diesem konkreten Fall mögen manche Lehrer vom Durcheinander im Bildungswesen profitieren - normalerweise sind auch sie Leidtragende. Die Gesellschaft erwartet mehr von ihnen, als sie realistischerweise leisten können. "Es gibt viel mehr Eltern als früher, die ihre Kinder an der Schultür abgeben und neben der Bildung auch eine Erziehungsarbeit erwarten, die sie selbst nicht mehr leisten wollen", sagt eine Schulleiterin. Die Folge ist, dass viele Lehrer einen erheblichen Teil des Unterrichts und viel Nervenstärke benötigen, um Ruhe in die Klasse zu bekommen. Die besondere Herausforderung durch die Einwanderung, die sprachliche, kulturelle, religiöse und politische Probleme mit sich bringt, sei hier der Vollständigkeit halber erwähnt: "Wir haben 40 Nationen an der Schule", sagt eine Lehrerin, die an einer sogenannten Brennpunktschule im Rheinland tätig ist. Dass "Russen" und "Türken" in einer Arbeitsgruppe zusammenarbeiteten, sei eher die Ausnahme.

Politischer Hickhack, fordernde Eltern, schwer sozialisierbare Schüler - es kann nicht ausbleiben, dass manche Lehrer unter diesen Bedingungen bald ausgebrannt sind. Vielleicht führt auch die arbeitsrechtliche Unkündbarkeit manchen dazu, seine Leistung zurückzufahren.

In einer Schule in NRW jedenfalls bezeichnet der Schulleiter einige seiner Lehrkräfte als "beratungsresistente Wanderpokale". Er meint damit, dass diese unwilligen Lehrer jedes Jahr in eine neue Klasse versetzt werden, weil in der alten der Widerstand der Eltern gegen sie zu groß geworden ist. Für die Kinder heißt die Zuteilung einer solchen Kraft, dass ihr Schuljahr in diesem Fach zumindest zum Teil verloren ist. Eingesetzt werden diese "Wanderpokale" nur in der Mittelstufe, weil hier der Schaden, den sie anrichten, angeblich am geringsten ist. Sanktionsmöglichkeiten gibt es offensichtlich nicht. Über Änderungen in den Anstellungsbedingungen sprechen Politiker aber kaum; dass sie das Beamtenrecht am liebsten abschaffen würden, sagen sie nur hinter vorgehaltener Hand.

Über Auswege aus der verworrenen, ja fast schon entmutigenden Lage der Schulen ist viel nachgedacht worden. Einen neuen Ansatz haben Verbände der Wirtschaft aufgezeigt: Die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) schlagen das Modell einer "selbstständigen Schule" vor. Diese soll durch ein eigenes Budget unabhängiger von der Gängelung durch Ministerien und Schulträger werden, bei denen die Schulleiter "um jeden Bleistift betteln" müssen, wie es ein Betroffener ausdrückt. So könnte die Schule autonomer planen, für was sie Geld ausgibt und wo sie ihre Schwerpunkte setzt. Auch die Entscheidung über besondere pädagogische Akzente läge bei der Schule vor Ort, die am besten weiß, was ihren Schülern am meisten hilft.

Zudem sollen Führungsprinzipien aus der Wirtschaft übernommen werden. In der selbstständigen Schule ist der Schulleiter auch der Vorgesetzte der Lehrer (heute ist das die Schulbehörde), die für überdurchschnittliche Leistungen auch überdurchschnittlich bezahlt werden sollen.

Für besonders belastete Schulen an sozialen Brennpunkten soll ein Sozialbudget bereitgestellt werden, um den Standortnachteil einigermaßen auszugleichen. Mit diesem Geld könnten etwa Sozialarbeiter oder Schulpsychologen direkt an der Schule angestellt werden, statt in der weit entfernten Kreisstadt, wo dann bei Beratungsbedarf mit mehrmonatigen Wartezeiten gerechnet werden muss.

Mit dem Modell könnten sich Schulleiter wohl anfreunden - weil es Gestaltungsspielräume und Leistungsanreize für ihre Lehrer gibt, aber auch, weil sie damit zum Chef würden, statt wie bisher nur den Moderator des Kollegiums zu spielen. Mit der selbstständigen Schule könnte die Mitarbeiterführung ins Bildungswesen einziehen, auch wenn die Führungskräfte hier noch viel zu lernen hätten: "Ich muss mich dann damit abfinden, dass ich nicht von allen geliebt werden kann", sagt ein Schulleiter, der sich intensiv mit dem Modell befasst hat.

Ergänzend dazu wäre auf politischer Ebene ein "Schulfrieden" sehr wichtig. In Bremen waren die Politiker der vier großen Parteien die Schul(wahl-)kämpfe leid und haben sich für zehn Jahre auf gemeinsame bildungspolitische Ziele verständigt. Auch die neue Regierung in Nordrhein-Westfalen strebt das an - wenn da nur nicht der Verdacht wäre, dass sie damit das Aufkeimen von Widerstand gegen ihr allerneuestes Reformprojekt, die Gemeinschaftsschule, verhindern möchte. Unter anderem wird hier der Unterricht der Klassen 5 und 6 in integrierter Form erfolgen, allerdings nicht flächendeckend. Mit einem ähnlichen Vorhaben hatte der Stadtstaat Hamburg seine Bürger im Sommer auf die Barrikaden und zu einem erfolgreichen Volksentscheid getrieben.

Ob umkämpft oder nicht - die Bildungsreformen werden weitergehen, denn die Schulen brauchen Hilfe und der Föderalismus den Nachweis seiner Existenzberechtigung. Einem Test, wie ehrlich sie es mit der Förderung der nächsten Generation meinen, unterliegen aber alle Beteiligten in den nächsten Jahren: Wenn sie sich entschließen, die Bildungsbudgets nicht anzugreifen, obwohl aus demografischen Gründen die Schülerzahlen zurückgehen, könnte viel mehr Geld in den einzelnen Kopf investiert werden, worin ja, wie sie sagen, unser wichtigster Rohstoff steckt.

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  • @ LbS (1)

    „....weil ihnen z.b. niemand erklärt, wozu der vermittelte Stoff (praktisch) nütze ist und welchen Zielen er dient.“

    Was erwarten Sie von Lehrern, die, in der Mehrzahl, unterbrochen von einem Studium zum Lehramt, lediglich die Seite in der Klasse gewechselt haben?

    „Dafür fehlen eine Reihe von Themen, die heute den Alltag bestimmen (z.b. Geld, Wirtschaft, Medien, Umwelt,...)“

    Auch hier verlassen die Lehrenden selten bis nie ihren Elfenbeinturm Schule, den sie für das wirkliche Leben halten.

    „Das Problem ist nicht die Schulform, an denen sich die ideologen immer wieder hochziehen (auch das seit vielen Jahrzehnten), sondern schlicht und einfach die nicht vorhandene oder erbärmlich schlechte Umsetzung durchaus vorhandener didaktischer Erkenntnisse.“

    Richtig erkannt, es fehlt zunächst bei der Lehrerausbildung und dann bei deren Fortbildung, bzw. deren Willen sich fortzubilden; das machen nur ganz wenige Lehrer. ich kenne nur einen Lehrer, der in seinem Lehrerdasein ein berufspraktikum hinter sich gebracht hat und seinen Schülern gegenüber zugab, daß er so etwas nie wieder machen würde, weil es furchtbar anstrengend war.

  • Ein Hauptproblem der Ganztagesschulen ist, die Kinder erhalten kein vernünftiges Mittagessen.

    Es gibt es eben einfach nicht.

    Andere haben eine Kantine mit Pommes und Currywurst. Fertig. Jeden Tag das gleiche Fettessen in verschiedenen Varianten.

    Und wer zahlt das essen? Eben, das ist den Doppelverdienereltern auch noch zu teuer oft.

    Aber die Kinder der Doppelverdiener haben 2-5 Handys, 3 Spielkonsolen undsoweiterundsofort, doch kein Geld den Kindern was anständiges zu essen zu kaufen. Warum? Weil genau hier fehlt die bildung dieser Eltern die sogar teils selber Akademiker sind.

    Am Essen für die Kinder wird gespart und sie kennen selber seit Generationen nichts anderes ausser Pommes und Hipp Gläschen. Dazu gibt es dann Limonade und Cola.
    Und auf Kuchen und desserts wird Fertig- Sprühsahne...damit wird es dekoriert.

  • Warum noch Kinder, wenn man sich nur noch Morgends
    und Abends sieht und vom Tag übermüdet ist. Die idee
    von Ganztagsgefängnissen für Kinder ist da doch toll. Gewalt an Schulen den ganzen Tag ausweiten und bedrohten Kindern nicht mehr die Möglichkeit geben, wenigstens am nachmittag mit anderen Kindern zu spielen. Wie im Gefängnis wird es Gruppen geben die andere versuchen zu unterdrücken. Eine Gesellschaft
    wie die unsere merkt es nicht einmal, dass die Lebensqualität immer mehr abnimmt je mehr wir den Fortschritt hinterher jagen.

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