Essay
Stumpfe Pfeile gegen den Kapitalismus

Manche Kritiker wollten wegen der Krise den globalisierten Kapitalismus beerdigen. Doch die liberalen Reformen haben in den letzten 20 Jahren dazu geführt, 500 Millionen Menschen aus der Armut zu heben. Die Krise darf nicht dazu missbraucht werden, diese Tatsache zu widerlegen. Nötig sind präzise Reformen des Finanzsektors.
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Als die Doppelkrise an Wall Street und Main Street ausbrach, jede für sich schon heftig genug, in ihrer Kombination allerdings umso beängstigender, konnten die Populisten den Kapitalismus gar nicht schnell genug zu Grabe tragen. Und sie bohrten aus lauter Genugtuung auch noch ihre Heugabeln in den vermeintlichen Leichnam. Champagnerpartys haben sie gefeiert. Nun aber, da alles Spritzige verflogen ist, blicken wir auf einige ramponierte Mythen und krasse Irrtümer. Und die erfordern Überprüfung und Widerlegung.

Ich möchte zunächst einen prominenten Ökonomen zitieren, der am liebsten einen Pfahl durch Kapitalismus und Globalisierung zugleich bohren würde (die nicht ohne Grund als internationale Erweiterung des Kapitalismus betrachtet wird, da es schwer vorstellbar ist, wie Globalisierung ohne Kapitalismus als Basis hätte entstehen können). Es handelt sich um niemand anderen als meinen Kollegen an der Columbia-Universität, Joe Stiglitz. Er hat die viel zitierte Behauptung aufgestellt, dass die gegenwärtige Krise für den Kapitalismus (und die Märkte) gleichbedeutend ist mit dem Fall der Berliner Mauer. Nun wissen wir alle, dass Analogien nicht perfekt sind. Aber diese ist nun wirklich albern.

Als die Berliner Mauer fiel, konnten wir den intellektuellen Bankrott sowohl der autoritären Politik des Kommunismus als auch einer Staatswirtschaft erleben, die einen fast universellen Anspruch auf Eigentum an den Produktionsmitteln erhob. Übrig blieb Brachland.

Als Wall Street und Main Street unter der Krise erbebten, wurden wir Zeugen einer Pause bei der Wohlstandsgewinnung, nicht ihrer Vernichtung. Wir haben fast zwei Jahrzehnte erlebt, in denen liberale Reformen annähernd der Hälfte der Weltbevölkerung - Indien und China - unerwarteten Wohlstand gebracht haben. Und das hat sichtbare Spuren bei der Bekämpfung der Armut hinterlassen, so wie wir Reformer es vorhergesagt haben.

Die reichen Länder, die in den 50er- und 60er-Jahren liberale Politiken stetig ausgebaut haben, hatten ebenfalls einen substanziellen Wohlstand erarbeitet. Der wurde nur durch exogene Faktoren wie den Erfolg der Opec 1971 und die durch den damaligen Fed-Chef Volcker eingeleitete Politik der Inflationsbekämpfung in den 80er-Jahren vorübergehend unterbrochen. Dann aber setzte sich das robuste Wachstum fort. Gleichzeitig wendete sich eine zunehmende Zahl von ärmeren Ländern der Demokratie zu, ausgehend von Indien, der "außergewöhnlichen Nation", nach der Unabhängigkeit.

Dann aber wandten einige Kritiker ein, dass hohes Wachstum alleine nicht den Punkt treffe. Vielmehr müsse man den Kapitalismus danach beurteilen, ob er etwas für die Armen bewirke. Stagnierende oder langsam wachsende Volkswirtschaften können jedoch die Armut nicht nachhaltig beseitigen. In Staaten mit massiven Armutsproblemen wie Indien oder China musste zuallererst hohes Wachstum bei Einkommen und Arbeitsplätzen geschaffen werden. Das ist sicherlich eine allgemeine Erkenntnis. Ebenso wenig wie Firmen, die Verluste machen, Corporate Social Responsibility finanzieren können, gelingt es Staaten mit stagnierender Wirtschaftsentwicklung, die Menschen aus der Armut zu befreien. Diese "Wachstumsstrategie", habe ich daher als radikale, aktive "Pull-up"-Strategie bezeichnet. Sie ist keine konservative, passive "Trickle-down"-Strategie.

Nach den liberalen Reformen haben sie zunehmendes Wachstum erreichen können. Und das hob fast 500 Millionen Menschen in den vergangenen 20 Jahren aus der Armut. So heftig die gegenwärtige Krise auch sein mag: Sie kann nicht für den Versuch missbraucht werden, diese Tatsache zu widerlegen.

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  • Was Professor Jagdish bhagwati hier vorträgt basiert auf einem längeren Essay, der in der Oktoberausgabe des "World Affairs Journal", Washington, erscheinen wird.

    Eine Hinführung vom Marktskeptiker zum Pragmatiker, empfiehlt er dem Wirtschaftler und ist sein dringendes Anliegen. Es ist unsre Chance, um aus der gegenwärtigen Finanzkrise herauszukommen und um eine globalisierte beerdigung des Kapitalismus zu verhindern:

    Trotzt Erholung der börse, ist die Wirtschaftskrise noch immer bei uns. Das bankensystem ist weltweit noch angeschlagen. in den USA, dem Ursprungsland der globalen Finanzkrise, wurden sämtliche Grossbanken einem sogenanten "Stress Test" unterzogen, das heisst die behörden prüfen, ob die bilanzen einer länger dauernden, tiefen Rezession standhalten können. Da aber niemand weiss, wie lang oder wie tief die Rezession tatsächlich sein wird, sind diese Resultate subjektiv. Wie erwartet, protestieren die banken, dass die Annahmen der behörden zu pessimistisch sind, und gewisse Analysten meinen, dass sie zu optimistisch sind...
    So waren Kommentare in der Vergangenheit verschiedentlich zu lesen, ohne jedoch von den beteiliten selbst etwas zu erfahren.

    Die US-Wirtschaft wird dezentral in Selbstverwaltung gesteuert, so dass es zwangläufig zur Kollusion der interessenten kommt. Dass Prof. bhagwati anregt... "dass wir eine unabhängige Gruppe von Experten benötigen, die mit der Wall Street vertraut sind, ohne Teil von ihr zu sein oder dem Wall-Street-Treasury-Komplex angehören. Sie sollten die Risiken neuer instrumente untersuchen und ihre Analyse den Regulatoren zugänglich zu machen. Die Regulatoren können schließlich nur das regeln, was sie auch verstehen. Niemand versteht alles..." ist eine seiner prakmatischen Sichtweisen.

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