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Ethik

Seit Jahrtausenden beschwert sich jede Generation, die ihr folgende halte es nicht mehr mit den tradierten Werten. Sogar die Alt-68er jammerten so nach dem Motto: „Heute geht ja keiner mehr auf die Straße. Jeder denkt nur noch an sich.“ Man sollte sich hüten, in die Klage einzustimmen, in der Weihnachtszeit gibt es schönere Lieder. Aber sinnvoll ist doch, hin und wieder zu fragen: Wie halten wir es mit den Werten? Was sind sie uns wert? Es zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Auf der einen Seite gibt es heute weitaus mehr Übereinstimmung als je zuvor in der deutschen Geschichte. Das übersehen wir oft zu schnell. Die meisten Deutschen sind heute überzeugte Demokraten. Das gab es vor 100 Jahren nicht, das gab es in der Weimarer Zeit nicht und in der dunklen Phase danach erst recht nicht. Und der Versuch der radikalen 68er, Demokratie als bürgerliche Scheinveranstaltung abzutun, ist zum Glück auch gescheitert.

Es geht nicht darum, problematische Trends, vor allem eine bis in manche Kreise der bürgerlichen Mitte zu spürende Fremdenfeindlichkeit, zu verharmlosen. Aber wer heute über den Werteverfall jammert – zum Beispiel manche Vertreter der katholischen Kirche –, der übersieht: Bei den wichtigsten Werten für den Zusammenhalt der Gesellschaft, nämlich den politischen, haben wir eine vergleichsweise beinahe himmlische Harmonie erreicht, wie der Blick in die eigene Geschichte und auf andere Regionen der Welt zeigt. Zwar streiten wir über Begriffe wie „Gerechtigkeit“. Aber letztlich geht es dabei nur darum, wie dieser Wert politisch umgesetzt wird. Das gehört zum Alltag der Demokratie.

Auf der anderen Seite ist aber gerade im Wirtschaftsleben eine gewisse Wertefeindlichkeit spürbar. Und sie breitet sich von dort aus in andere Bereiche der Gesellschaft. Der beste Beleg dafür ist, dass die Bezeichnung „Gutmensch“ heute als Schimpfwort gilt. Nur einer Gesellschaft, die wenig wirkliche „Schlechtmenschen“ kennt, kann so etwas passieren. Wer zu viel von Gerechtigkeit redet, verbreitet heute keinen fortschrittlichen Glanz mehr, sondern eher eine Art konservativer Muffigkeit. Die noble Geste der Familie Schwarz, alle Mitarbeiter außer dem Vorstand mit einer gleich hohen Sonderprämie zu beglücken, können sich wohl nur noch Eigentümer leisten. Angestellte Manager würden sich damit den Ruf versauen. Der Druck der Globalisierung, die – manchmal auch missverstandene – größere soziale Härte der angelsächsischen Welt, all dies führt dazu, dass „Werte“ häufig als störend, effizienzmindernd empfunden werden.

Dabei gibt es bedeutende Unterschiede. Mancher Manager, der schlechte Nachrichten für seine Belegschaft hat, versteckt sein flaues Gewissen hinter zur Schau getragener Kälte. Bei anderen ist der Zynismus authentisch. Aber auch in diesem Bereich zeigt sich ein sehr farbiges Bild. Interessant ist dabei der jüngste Trend, traditionelle Werte in angelsächsischer Formulierung wieder in den Wirtschaftskreislauf einzuspeisen. „Social responsibility“ klingt irgendwie doch wieder gut, auch Sprüche wie „be a good citizen“. Und die Verantwortung gegenüber der Umwelt erlebt gerade als „sustainability“, inzwischen auch rückübersetzt in „Nachhaltigkeit“, eine gewisse Blüte. Auf „Denglisch“ sind Werte wieder schick und dürfen sich neben dem „shareholder value“ behaupten.

Wie soll der Einzelne sich in dieser verwirrenden Vielfalt zurechtfinden? Wie weit muss man sich Zwängen fügen, mit dem Strom schwimmen, und wo kann oder sollte man wenigstens hin und wieder ein Zeichen dagegensetzen? Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Zum Glück. Denn auch darüber, dass man über Werte streiten darf, gibt es heute einen weitgehenden Konsens, weil der Wert der Freiheit mittlerweile auch in Deutschland viele Anhänger hat. Jeder muss seine eigenen Antworten finden. Es gibt einen Weg, den eigenen Werten auf die Spur zu kommen: Wer Kinder hat, sollte sich überlegen, was er denen für ihr Leben mitgeben will. Was antworten wir, wenn sie uns irgendwann fragen: „Wofür hast du eigentlich gelebt? Was war dir wichtig? Und was hast du erreicht?“ Vielleicht fragen sie das schon beim Weihnachtsbesuch.

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