EU
Schlag nach bei Juncker

Die Größe seines Landes steht im umgekehrten Verhältnis zu seiner eigenen politischen Bedeutung: Jean-Claude Juncker ist mit Anfang fünfzig Regierungschef des kleinsten EU-Mitgliedsstaates, aber wertvollstes europapolitisches Urgestein.

Die Größe seines Landes steht im umgekehrten Verhältnis zu seiner eigenen politischen Bedeutung: Jean-Claude Juncker ist mit Anfang fünfzig Regierungschef des kleinsten EU-Mitgliedsstaates, aber wertvollstes europapolitisches Urgestein. Als Luxemburger kennt er Franzosen und Deutsche besser als die Vorzeigepartner selber. Das hat ihm erlaubt, in heiklen Fällen zwischen den beiden EU-Schwergewichten zu vermitteln.

Juncker genießt nicht nur auf Grund seiner Erfahrung und der politischen Deals, die er vorbereitet hat, hohes Ansehen. Der Christdemokrat verfügt über eine Eigenschaft, um die ihn die meisten deutschen Politiker beneiden: Er kann sich verständlich ausdrücken, auch und gerade dann, wenn es schwierig wird. Im Vorfeld der Europäischen Währungsunion, die wenige Deutsche wollten, konnte Juncker sie als einziger plausibel begründen.

Das erklärt, warum Bundesaußenminister Steinmeier ihn gestern nach Berlin einlud: Der SPD-Politiker hoffte wohl, Juncker könne die härteste Nuss der bevorstehenden deutschen EU-Präsidentschaft knacken. Viele Partner erwarten, dass Berlin den im Koma liegenden Verfassungsvertrag wiederbeleben kann.

Doch da musste auch Juncker passen: Königswege seien nicht zu finden, beschied er seine Zuhörer, die EU stecke in einer tiefen Krise. Ganz anders als sein französischer Kollege, der kräftig in die Puderdose optimistischer Rhetorik griff, spielte Juncker den Skeptiker. Vielleicht kommen die offenen Worte der Bundesregierung nicht einmal so ungelegen: Sie muss die hoch schießenden Erwartungen an ihre Präsidentschaft auf den Boden der begrenzten deutschen Möglichkeiten zurückholen. So gesehen war Junckers Auftritt äußerst hilfreich.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%