Euro-Gruppen-Vorsitz
Deutscher Kassenwart oder Euro-Moderator?

Nach langem Zögern bewirbt sich Schäuble nun um das Amt des Euro-Gruppen-Chef. Er will Finanzminister bleiben und beides miteinander vereinbaren. Hält Schäuble der Belastung stand? Hat Deutschland Nutzen oder Schaden?
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Wolfgang Schäuble ist ein alter Fuchs. Erst jetzt - nach wochenlangen Spekulationen - hat sich der Finanzminister zu Wort gemeldet und quasi "offiziell" seinen Hut in den Ring geworfen, um Chef der wichtigen Gruppe der Euro-Staaten zu werden. Damit ist davon auszugehen, dass diese Personalie in trockenen Tüchern ist - und neben Kanzlerin Merkel auch die anderen Regierungen ihren Segen gegeben haben.

Merkel und ihr wichtigster Minister haben es sich mit dieser Entscheidung nicht leicht gemacht. Zwei unterschiedliche Machtfaktoren waren zu berücksichtigen. Erstens wollte Merkel eine Kabinettsumbildung vermeiden: Schäuble wird also wie sein Vorgänger, der luxemburgische Regierungschef Jean-Claude Juncker, nationales Regierungsamt und den Vorsitz der Euro-Gruppe in Personalunion ausüben. Eine Strapaze für ihn, denn bereits die Belastungen als Finanzminister sind groß.

Zweitens aber haben Schäuble und Merkel lange diskutiert, ob seine Rolle als deutscher Mr. Euro den Interessen Deutschlands hilft oder eher schadet. Denn bislang konnte Schäuble in den Sitzungen sehr deutlich den deutschen Hebel ansetzen und eine harte Haltung einnehmen. Als Vorsitzender der Euro-Gruppe ist er aber weniger deutscher Kassenwart als ausgleichender Moderator. Wie also kann Deutschland künftig seine Interessen wahrnehmen, wenn Schäuble als wandelnder Vermittlungsausschuss fungieren muss?

Bei dem gewieften Taktiker Schäuble ist davon auszugehen, dass ihm beides gelingt - Ausgleich und Interessenwahrung. Letztlich hat er als Vorsitzender der Euro-Gruppe mehr Möglichkeiten, das deutsche Profil im Euro-Krisenmanagement zu schärfen als bislang. Und Merkel und Schäuble ahnen, dass die Euro-Rettung zu einem nationalen Anliegen wird - denn die Verunsicherung in der Bevölkerung wächst, ob denn alles, was da in Berlin und Brüssel ausgeheckt wird, wirklich noch dem Land dient oder nicht Milliarden Euro versenkt werden. Zudem kippt in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion die Stimmung - weshalb Schäubles Personalie rechtzeitig vor den bevorstehenden Abstimmungen über Rettungsschirm und Fiskalpakt die Gemüter der eigenen Truppen beruhigen soll.

Schäubles politische Lebenslinie hatte immer viel mit der fruchtbaren Verbindung von Patriotismus und europäischer Idee zu tun. Nicht alles war konsistent, und als "konservativer" Hoffnungsträger hat er auch nie wirklich getaugt. Aber in seiner Rolle als Euro-Retter ist er mehr bei sich als in vielen Ämtern zuvor. Dazu passt, dass Schäuble am Donnerstag der Karlspreis für seine Verdienste um die europäische Einigung verliehen wird. Damit tritt er auch europapolitisch aus dem Schatten seines ungeliebten Übervaters Helmut Kohl.

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur und Büroleiter in Berlin.
Michael Inacker
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Euro-Gruppen-Vorsitz: Deutscher Kassenwart oder Euro-Moderator?"

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  • Machiavelli

    >> Wenn er das nicht verstanden hat

    Ich denke, das hat er genau verstanden. Vor ca 17 Jahren habe ich ihn öffentlich einen verdammten Nationalisten genannt und mittlerweile meinen Frieden mit ihm gemacht, wenn das als Argument oder gar "Beweis" gelten kann.

    Seine Rede war an Deutlichkeit nicht zu übertreffen - er ist ein Europäer aus Vernunft.

  • "Hat Deutschland Nutzen oder Schaden?" ist die falsche Frage.
    "Hat Europa Nutzen oder Schaden?" wäre die richtige Frage.
    Seine Aufgabe wird sein im Interesse allen Euro-Länder zu handeln und sich für alle gleichermaßen einzusetzen, genauso im Interesse Griechenland, Portugal, Spanien, Italien, und nicht im Interesse eines Landes, wie es auch heißen mag. Deutschland ist nicht der Nabel der Welt!
    Wenn er das nicht verstanden hat, braucht er gar nicht für die Aufgabe kandidieren.

  • Professor Sinn wird also "leider immer wieder abgedruckt". Das ist ebenfalls leider typisch für die Euromatiker: Sie sind bedenkenlos bereit, für ihren Euro-Fanatismus nicht nur die Meinungsfreiheit, sondern auch die Demokratie insgesamt zu opfern, Hauptsache der Euro wird "gerettet", weil es sonst ja auch Krieg gibt, wie man unschwer an den armen Ländern ohne Euro erkennen kann. Aber Sie werden es nicht schaffen, denn man kann ein derart großes Projekt wie die europäische Einigung nun mal nicht gegen den Willen der Bürger duchpauken. Das mag Ihnen nicht gefallen, aber es wird mit diesem Europa ein böses Ende nehmen - und das liegt an Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen. Den Beweis dafür, dass die Target-Forderungen uneinbringlich sind, werden Sie (und leider auch ich) übrigens demnächst in unseren Steuerbescheiden sehen - wie kann man bloß derart naiv sein?! Schluss mit dem Rettungs-Irrsinn, sofort!

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