Kommentare

_

Euro-Rettung: Weidmanns Mahnung ist richtig

Mit drei Geldkanonen bekämpft die EZB die Euro-Krise. Die Euro-Retter aus der Notenbank haben dabei jedes Maß verloren. Deshalb liegt Bundesbank-Präsident Weidmann mit seiner Kritik an der Strategie genau richtig.

Bundesbank-Präsident, Jens Weidmann. Quelle: dpa
Bundesbank-Präsident, Jens Weidmann. Quelle: dpa

DüsseldorfIn der Kriegsführung gibt es die Strategie der Übermacht („overwhelming force“), mit der man den Gegner in die Knie zwingt. Dieser militärische Gedanke steckt auch hinter dem Wunsch, den Krisenherd in der Euro-Zone mit einer Übermacht von Geld ein für alle Mal zu löschen. Deshalb sprechen die Euro-Retter auch ständig von der „big bazooka“ oder – den Deutschen besser vertraut – der „Dicken Bertha“.

Anzeige

Jetzt haben die Rettungskräfte aus Europäischer Zentralbank (EZB) und Politik jedoch jedes Maß verloren. Gibt es doch inzwischen drei „bazookas“: Da ist zunächst die dreijährige Liquiditätshilfe für die Banken, die von der EZB gerade auf über eine Billion Euro gesteigert wurde. Dazu kommen die europäischen Rettungsschirme EFSF und ESM, die nach anfänglichem Widerstand jetzt wohl auch mit Zustimmung der Bundesregierung und Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf bis zu 1,5 Billionen Euro aufgestockt werden könnten. Und schließlich gibt es noch die bislang gut versteckte „bazooka“, die gerade Bundesbank-Präsident Jens Weidmann den Schweiß auf die Stirn treibt. Dabei handelt es sich um rund 800 Milliarden Euro, die von der EZB über das Zahlungssystem der Notenbanken (Target2) in den Geldkreislauf der Euro-Zone gepumpt werden.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

Zählt man alles zusammen, kommt man auf deutlich mehr als 3000000000000 Euro. Die amerikanische Notenbank, die von den Europäern für ihre unkonventionelle Lockerung („quantitative easing“) regelmäßig attackiert wird, kommt „nur“ auf gut zwei Billionen Dollar. Selbst wenn man die rund 700 Milliarden Dollar noch dazuzählt, die von den Amerikanern 2008 für die Rettung ihrer Banken ausgegeben wurden, ist die US-Lösung immer noch billiger.

Man kann, wie insbesondere viele angelsächsische Ökonomen und Politiker, gute Gründe dafür anführen, dass Europa eine „big bazooka“ braucht, um die Finanzmärkte von der Übermacht der Politik zu überzeugen. Doch drei Geldkanonen?

Die Dinge so zusammenzuzählen wird natürlich sofort Widerspruch hervorrufen. Zunächst von EZB-Präsident Draghi, der verbal penibel zwischen Hilfen für Banken (geboten) und Hilfen für Staaten (verboten) unterscheidet. Äußerungen von Bankern und schlichte Mathematik zeigen jedoch, dass die Grenzen fließend sind. Hat doch eine Reihe von Finanzhäusern die billigen Zentralbankkredite genutzt, um damit hochverzinsliche Staatsanleihen zu kaufen.

Auch die Euro-Finanzminister werden protestieren, da die Rettungsschirme angeblich begrenzt und ihre Auszahlungen an strikte Bedingungen geknüpft sind. Die Grenzen sind jedoch auch hier dehnbar, wie die ständige Erhöhung der Finanzmittel zeigt.

Auch bei der dritten „bazooka“, den Forderungen, welche die EZB über das Target-System gegenüber finanzschwachen Notenbanken hat, gibt es eine erstaunliche Kluft. Erst spielte die Bundesbank die Risiken im Zahlungssystem herunter, jetzt fordert ihr Präsident bessere Sicherheiten, damit vor allem die Deutschen am Ende nicht auf Ansprüchen von rund 500 Milliarden Euro sitzen bleiben.

Sosehr sich die Beteiligten auch bemühen, die drei Geldkanonen voneinander abzugrenzen, was zählt, ist ihre gemeinsame Feuerkraft, also das Geld, das damit in Bewegung gesetzt werden könnte. Wenn jeder aber nur auf seinen Teil der „Kampfzone“ gegen die Schuldenkrise schaut, kann er diesen Zusammenhang nicht erkennen.

Sollten die Euro-Staaten sich also jetzt dazu aufraffen, die Rettungsschirme zu vergrößern, müssen die Notenbanken möglichst schnell ihre Geldvermehrung stoppen. Weidmanns Mahnung kommt zwar spät, aber sie ist richtig. Und Draghi sollte ebenfalls seine Unterstützung für die Banken einstellen.

Es ist grotesk, aber wahr, dass uns gerade die gescholtenen Amerikaner vorgemacht haben, dass ein schneller, abgestimmter Einsatz von Notenbank und Politik effektiver und billiger ist als das, was Europas Kanoniere bislang geleistet haben.

Der Autor leitet das Ressort Meinung und Analyse. Sie erreichen ihn unter:

riecke@handelsblatt.com


  • 04.03.2012, 14:31 UhrPoilu

    @ geschrei,
    lassen wir es einfach darauf ankommen!
    Leider wird es in Deutschland nicht genügend Idioten geben die den Schritt nicht als Selbstmord erkennen würden, also es wird wohl beim wishful thinking bleiben.

  • 04.03.2012, 10:33 Uhrgeschrei

    @Poilu: und auf das Geschrei bin ich gespannt, wenn D erklären würde, den Club verlassen zu wollen, haha. Dann kann man sich anhören, dass man eine Ratte ist, die das sinkende Schiff verlâsst. Das sie es eigentlich doch schon immer gewusst haben, wie asozial D wirklich ist....ein Südenbock ist ein Sündenbock, bis er keine Lust mehr dazu hat.

  • 04.03.2012, 10:06 UhrFlashGordon

    Die BUBA ist ja nun die überflüssigste Institution, die es in einem vereinigten Europa nicht mehr braucht. Alle geldpolitisch relevanten und wichtigen Entscheidungen im Euro-Raum werden zum Glück von der EZB getroffen.

    Herr Weidmann, lösen sie ihren Saftladen auf. Sie kosten uns Steuerzahler nur sinnlos Geld !

  • Kommentare
Kommentar: Wir brauchen radikaleren Schutz vor Cyberkriegern

Wir brauchen radikaleren Schutz vor Cyberkriegern

Die Politik will Stromversorger, Banken und Telefonanbieter in die Pflicht nehmen: Sie müssen sich künftig gegen Cyberattacken schützen. Die Wirtschaft klagt über die Kosten – doch die Risiken rechtfertigen sie.

Politik der Eskalation: Der Irrweg des Westens (Ложный путь Запада)

Der Irrweg des Westens (Ложный путь Запада)

Regierung und Medien schalten angesichts der Ereignisse in der Ukraine von besonnen auf erregt um. Aber die Politik der Eskalation schadet deutschen Interessen. Ein Essay auf Deutsch, Russisch und Englisch.

  • Kolumnen
Was vom Tage bleibt: Ratlosigkeit pur

Ratlosigkeit pur

Ein US-Journalist wird im Irak brutal hingerichtet, der Bund bleibt der Commerzbank treu. Ebola in Afrika wird bedrohlich, Fußball zum wirtschaftlichen Erfolg und der Euro schwächelt. Der Tagesrückblick.

Der Ver(un)sicherer: Negative Kosten? Geschenkt!

Negative Kosten? Geschenkt!

Mehr Durchblick bei der Altersvorsorge – das hätte die Bundesregierung gern. Schon bald sollen Versicherer ausweisen, wie teuer ihre Produkte sind. Doch wie die Kostenziffer jetzt definiert ist, ergibt sie keinen Sinn.

Der Werber-Rat: 40 ist das neue 60

40 ist das neue 60

Manche Werber wollen nicht akzeptieren, dass sie älter werden und geben sich immer noch jugendlich. Dabei wächst, fast unbemerkt, eine neue, unkonventionelle Generation von Kreativen heran.

  • Gastbeiträge
Gastbeitrag: Warnung vor dem Tarifkartell

Warnung vor dem Tarifkartell

Die Koalition will die Streikmacht kleiner Gewerkschaften begrenzen. Dagegen regt sich Widerstand. CDU-Wirtschaftspolitiker Metzger warnt davor, am hohen Gut der grundgesetzlich geschützten Koalitionsfreiheit zu rütteln.

Was ist verdient?: Der große Streit um den gerechten Lohn

Der große Streit um den gerechten Lohn

In der vergangenen Woche trafen zwei Gastkommentare den Nerv unserer Leser. Ein Manager und ein Rettungssanitäter diskutierten: Wie misst man den Wert von Arbeit? Wie die Debatte verlief.

Gastbeitrag: Sind Frauen in der Türkei Menschen zweiter Klasse?

Sind Frauen in der Türkei Menschen zweiter Klasse?

Immer wieder fällt der türkische Premier Erdogan durch seine diskriminierenden Äußerungen gegen Frauen auf. Das beunruhigt viele Frauen in der Türkei. Wie eine Istanbulerin die Geschehnisse vor der Wahl erlebt.

  • Presseschau
Presseschau: „EU-Sparpolitik ist gescheitert“

„EU-Sparpolitik ist gescheitert“

Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaft, hält die EU-Sparpolitik für einen Totalausfall. Das ist eine ziemliche Klatsche für Angela Merkel, findet die Wirtschaftspresse. Doch die Kanzlerin schießt prompt zurück.