Euro-Stärke
Kommentar: Schluss mit Schönreden

Für die deutsche Wirtschaft kommt es knüppeldick. Sie steht bereits am Rande der Rezession – und gleichzeitig schießt der Wechselkurs des Euros nach oben und verschlechtert die internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Für die deutsche Wirtschaft kommt es knüppeldick. Sie steht bereits am Rande der Rezession – und gleichzeitig schießt der Wechselkurs des Euros nach oben und verschlechtert die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Der Internationale Währungsfonds sah sich am Wochenende bereits veranlasst, vor einer Deflation in Deutschland zu warnen, und hat damit eine intensive Debatte ausgelöst. Diese Debatte ist dringend nötig, damit die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen in Deutschland und Europa endlich aus ihrer gefährlichen Ruhe gerissen werden.

Wenn der starke Euro zu sinkenden Preisen führen sollte, dann umso besser, lautet das Hauptargument, mit dem die EU-Kommission und die Europäische Zentralbank abstreiten, dass der rapide Kursanstieg der europäischen Währung ein Problem darstellt.

Von der Warte der Unternehmen aus sieht es aber anders aus. Durch die massive Aufwertung kommen nicht nur die Exporteure unter Druck, sondern alle Unternehmen, die international handelbare Güter herstellen.

Sie müssen sich gegen ausländische Konkurrenten behaupten, deren Produkte viel billiger geworden sind. Um diese Konkurrenz zu bestehen, werden sie große Preiszugeständnisse machen müssen. Dafür werden die Unternehmen zusätzlich Personal abbauen und damit die Arbeitslosenzahlen weiter in die Höhe treiben. Und Beschäftigte, die um Arbeitsplatz, Bonus und Tantieme fürchten, sind keine guten Konsumenten – siehe Japan. Sinkende Preise bewegen die Konsumenten vor diesem Hintergrund nicht zu mehr Ausgaben.

Auf lange Sicht ist eine starke Währung gut für einen Währungsraum. Auf lange Sicht führt auch an einer Dollar-Abwertung kein Weg vorbei, weil das ausufernde Handelsdefizit der USA korrigiert werden muss. Aber wenn der Anpassungsprozess eine bereits rezessionsgefährdete deutsche Wirtschaft – und im Gefolge vielleicht die europäische – in eine Abwärtsspirale treibt, dann ist die lange Sicht herzlich uninteressant. Solange die in Deutschland und Europa für die Wirtschaftspolitik Verantwortlichen nicht eingestehen, dass es ein Problem gibt, so lange gibt es wenig Hoffnung, dass sie etwas dagegen tun. Schönreden wird nicht helfen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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