Euro über 1,30 US-Dollar
Der Fluch des Höhenflugs

Die Europäer sorgen sich wegen des Höhenflugs des Euros, doch von den USA ist keine Entlastung zu erwarten: US-Finanzminister John Snow hat deutlich gemacht, dass er nichts gegen den schwachen Dollar zu tun gedenkt. Snow erinnert die Europäer an ihre Mitverantwortung für das hohe Handelsdefizit, das den Dollar nach unten und den Euro nach oben drückt: Wenn Europa mehr heimische Nachfrage entfalten würde, könnten die USA auch mehr exportieren.

Aus dieser US-Sicht ist der starke Euro ein Segen, weil er Importe billiger macht, die Geldbeutel deutscher Verbraucher entlastet und so den lahmenden Konsum anschieben könnte. Doch hier zu Lande ist die Stimmung der Verbraucher nahe dem Nullpunkt. Sie sparen, weil sie überzeugt sind, dass sie sich auf ihre Rente nicht verlassen können und dass ihre verfügbaren Einkommen auf absehbare Zeit sinken werden. Die Unternehmen investieren trotz Rekordgewinnen nicht, weil die Nachfrage fehlt.

Daher droht die Aufwertung zum Fluch zu werden. Sie schwächt den Export, der bisher fast allein die deutsche Konjunktur am Leben hielt. Zugegeben: Schon bei einem Euro-Kurs von einem Dollar wurde gewarnt, dass die Exportwirtschaft viel mehr nicht verkraften könne. Hätte damals jemand prognostiziert, der Euro werde weit über 1,20 Dollar steigen und trotzdem der Export Deutschlands Konjunkturmotor bleiben, wäre er nicht ernst genommen worden.

Doch die Bedingungen haben sich wesentlich geändert. Bis zur Jahresmitte hat das sehr starke Wachstum des Welthandels die Belastung aus dem Kursanstieg des Euros mehr als wettgemacht. Aber die Dynamik der Weltwirtschaft lässt bereits merklich nach, während der jetzt über 1,30 Dollar gestiegene Euro europäische Waren immer teurer macht. Im dritten Quartal hat die deutsche Wirtschaft praktisch stagniert, nicht zuletzt, weil der Export schwächelte. Das Export- Standbein könnte einknicken, bevor die Binnennachfrage stark genug geworden ist. Auch deshalb muss alles getan werden, um das Vertrauen der Verbraucher zu stärken.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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