Europa-Asien
Erste Fingerübung

In wenigen Bereichen klaffen Bewusstsein und Handeln so weit auseinander wie in der deutschen und europäischen Asien-Politik.

Jedes Schulkind weiß, dass die Länder Asiens in den kommenden Jahren und Jahrzehnten an Bedeutung gewinnen werden. Egal welche Kriterien man wählt: Bevölkerungsgröße, Wachstum oder politische Macht – alles deutet auf ein asiatisches Jahrhundert hin. Dennoch leisten wir uns den Luxus, unsere Beziehungen zu wichtigen asiatischen Regionen weiter als zweitrangig einzustufen. Heerscharen von Experten zerbrechen sich die Köpfe über Stimmungsschwankungen im transatlantischen Verhältnis. Doch gleichzeitig organisieren Europäer und Asiaten Treffen, die den Charakter reiner politischer Alibi-Veranstaltungen haben.

Immerhin scheinen sowohl die Europäer wie auch asiatische Staaten langsam aufzuwachen. Das hat das Asem-Treffen in Helsinki gezeigt. Erstmals haben inhaltliche Debatten über Globalisierungsfolgen die bloße Symbolik der gemeinsamen „Familienfotos“ zumindest zum Teil abgelöst, wurde mit der beschlossenen Umwelterklärung so etwas wie eine gemeinsame politische Agenda zumindest ansatzweise sichtbar.

Tatsächlich ist diese Entwicklung eines echten politischen Dialogs mehr als überfällig. Sowohl die EU als größte Handelsmacht als auch die größeren asiatischen Staaten wollen eigenständiger in der Welt agieren. Das verträgt sich nicht mit der Tatsache , dass der Dialog zwischen beiden bisher vor allem über die Weltmacht USA lief. Dabei entdecken Europäer wie Asiaten, dass sie ähnliche Ansichten über eine multilateral organisierte Welt vertreten und eine ähnliche Wahrnehmung der Probleme haben. Wenn am Jahrestag des 11. September 2001 die US-Regierung erneut den Kampf gegen (islamischen) Terror als die wichtigste Aufgabe der internationalen Gemeinschaft bezeichnet, sehen viele Europäer und Asiaten das nuancierter.

Denn es gibt andere, mindestens ebenso wichtige Herausforderungen für die Menschheit. Dies wird in Asien mit seinen rasanten Wachstumsraten, seiner gigantischen Bevölkerung und den dadurch folgenden sozialen und ökologischen Brüchen deutlicher wahrgenommen als in Washington. Selbst im kommunistischen China hat die Führung des Landes erkannt, dass sie schleunigst den Kampf gegen die grassierende Umweltzerstörung zur prioritären Aufgabe hochstufen muss. Hier deutet sich eine echte Allianz in einem Themenfeld an: Europa hat die Technologie und das Bewusstsein, um etwas gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu tun. Asien spürt dagegen bereits den sozialen und politischen Druck, hier unbedingt und schnell handeln zu müssen. Ziehen beide an einem Strang, lässt sich besser Druck auf die US-Regierung ausüben, sich selbst des Themas Klimawandel anzunehmen.

Die künftige Energieversorgung ist ein weiterer Grund dafür, dass europäische und asiatische Regierungschefs enger miteinander arbeiten und nicht nur vor den Kameras posieren müssen. Allein die Debatte über russisches Gas zeigte, dass die reichen europäischen und die energiedurstigen asiatischen Staaten letztlich um dieselben Energievorräte buhlen. Um Spannungen zu vermeiden, müssen beide Seiten sowohl Themen wie eine größere Energieeffizienz angehen als auch einen politischen Rahmen für den Wettbewerb um Ressourcen abstecken.

Das Fatale ist, dass Asien für einen solchen Dialog noch nicht vorbereitet ist: Der Kontinent ist politisch viel heterogener als die EU, Konflikte etwa zwischen Japan und China bremsen eine effektivere Abstimmung. Ohne eine Teilnahme Russlands wird Asem zudem nicht wirklich als Forum für die Abstimmung zwischen den Kontinenten dienen können. Vorrangig ist also eine Erweiterung um alle wichtigen Gesprächspartner auf dem eurasischen Doppelkontinent - immerhin ist Indien nun aufgenommen worden. Als politische „Fingerübung“ für ein gemeinsames Vorgehen könnte übrigens die Wahl des neuen Uno-Generalsekretärs dienen. Hier hat Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits klar gemacht, dass Deutschland und die EU einen asiatischen Kandidaten unterstützen würden. Nun müssen die Asiaten zunächst einmal beweisen, dass sie sich untereinander auf eine Person einigen können.

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