Extra-Kundgebungen mit dem Kanzler
SPD entdeckt späte Liebe für Schröder

Steigende Umfragewerte lösen in der SPD zunehmende Begeisterung für den parteiintern lange ungeliebten Kanzler Gerhard Schröder aus. "Es gibt niemanden, der der SPD zur Zeit soviel Mut und Zuversicht gibt wie Schröder", sagte der ehemalige niedersächsische Oppositionsführer Sigmar Gabriel dem Handelsblatt. "Schröder ist genial", erklärte Johannes Kahrs, der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises.

HB BERLIN. Die südhessische Bezirkschefin Andrea Ypsilanti, die zu den schärfsten Kritikern der Agenda 2010 gehörte, lobte die "ganz starke Rolle" des Kanzlers im Wahlkampf. Das linke Präsidiumsmitglied Andrea Nahles resümierte: "Der Kanzler hat der Partei und sich selbst auf dem Parteitag eine Brücke gebaut." Nun sei die Kluft überwunden, die mit der überraschenden Vertrauensfrage aufgerissen war.

Nach aktuellen Umfragen der Meinungsforschungsinstitute Forsa und Infratest Dimap ist die SPD in den Tagen nach dem TV-Duell der Spitzenkandidaten auf 34 Prozent und damit den besten Wert seit Februar geklettert. Die Zugewinne, so die Infratest-Analyse für die ARD-Tagesthemen, beruhten "vor allem auf den deutlich verbesserten Werten für Bundeskanzler Schröder". Bei einer Direktwahl würden sich 54 Prozent der Befragten (plus 6) für den Amtsinhaber entscheiden und nur noch 35 Prozent (minus 7) für CDU-Chefin Angela Merkel.

Zusätzliche Wahlkampfauftritte

In den verbleibenden neun Tagen wird Schröder daher seinen massiven Wahlkampfeinsatz noch einmal verstärken. Der Kanzler wird nicht nur am Montag anstelle von SPD-Chef Franz Müntefering an der TV-"Elefantenrunde" der Spitzenpolitiker aller Bundestagsparteien teilnimmt. Intern wurde auch entschieden, dass Schröder zusätzlich zu den angekündigten zehn Kundgebungen zwischen München und Hamburg auch am 16. September in Oberhausen und am 17. September in Recklinghausen auftreten soll. Dies ist bemerkenswert, da es zu Beginn des Wahlkampfes gerade im sozialdemokratischen Stammland Nordrhein-Westfalen erhebliche Vorbehalte gegen eine starke Präsenz des Kanzlers gab.

"Schröder gibt uns auf der Zielgeraden richtig Schub", lobt der Wirtschaftsexperte Rainer Wend, der sich in Bielefeld um ein Direktmandat bewirbt. Auch der Parteilinke Michael Müller, der in Düsseldorf kandidiert, nennt Schröder ein "Zugpferd". Die Partei sei geschlossen und zunehmend motiviert. "Die Mundwinkel gehen nach oben", sagt Wend. Die öffentliche Diskussion über die Steuerpläne der Union hat daran erheblichen Anteil. Nahles berichtet von überraschend positive Reaktionen der Bevölkerung bei Flugblattaktionen: "Die Leute fangen an zu überlegen." Unions-Finanzexperte Paul Kirchhof sei "ein Geschenk", räumt ein SPD-Vorstandsmitglied ein. Dies deckt sich mit der Einschätzung von Infratest-Chef Richard Hilmer, derzufolge Kirchhofs Vorstellungen nicht mehrheitsfähig seien.

Partei setzt trotz fehlender Machtperspektive aus Sieg

In dieser Situation wird die Frage der künftigen Machtperspektive weitgehend verdrängt. SPD und Grüne kämen nach den Umfragen nämlich nur auf 41 Prozent der Stimmen. Selbst das vom Kanzler vorgegebene Ziel von 38 Prozent für die SPD würde Rot-Grün keine absolute Mehrheit sichern. Vielmehr rückt durch den Stimmenverlust von Schwarz-Gelb die Perspektive einer großen Koalition von Union und SPD näher. Immerhin 36 Prozent der Bevölkerung würden eine solche Konstellation favorisieren.

"Wir müssen auf Sieg setzen und nicht auf Platz", wischt Gabriel derartige Überlegungen beiseite. Die SPD habe die Chance, gemeinsam mit den Grünen wieder die Mehrheit zu holen, und: "Schröder bleibt Kanzler." Auch Seeheimer-Sprecher Kahrs sagt: "Ich wäre mit Rot-Grün gut bedient." Zuvor hatte bereits Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, der in der Vergangenheit eine große Koalition favorisiert hatte, beteuert, diese Konstellation wolle er sich "nicht vorstellen".

Hintergrund sind drohende massive interne Auseinandersetzungen in der SPD für den Fall eines Zusammengehens mit der Union. "Das wird verdammt hart", heißt es beim linken Flügel. Offiziell lautet dort die Standardantwort, über mögliche Konstellationen werde erst am 19. September, dem Tag nach der Bundestagswahl, gesprochen.

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