EZB
Neue Priorität

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Jean-Claude Trichet und Ben Bernanke sind in diesen Tagen nicht zu beneiden. Die beiden Notenbank-Chefs stecken in einem Dilemma und müssen sich entscheiden: Nehmen sie wachsende Inflationsgefahren hin, oder räumen sie den anhaltenden Konjunkturrisiken einen höheren Stellenwert ein? Angesichts der erneut aufkommenden Unsicherheiten über die Lage der Banken muss die Europäische Zentralbank weg von ihrer alleinigen Ausrichtung auf die Inflation. Sie sollte der wirtschaftlichen Entwicklung Vorrang geben und die Finanzmärkte beruhigen. Das ist erste Pflicht.

Die EZB wird bei ihrer Sitzung in dieser Woche deshalb die Leitzinsen unverändert lassen. Dem Beispiel der gelockerten US-Geldpolitik wird sie hingegen nicht folgen. Trotzdem darf sich das Direktorium auf eine lebhafte Diskussion gefasst machen. Nicht umsonst hat Axel Weber als Präsident der Deutschen Bundesbank bereits im Vorfeld verdeutlicht, dass die jüngste Entwicklung der Inflation ihm Sorgen macht und er sie auf dem Weg in Richtung inakzeptabler drei Prozent sieht.

Damit begibt er sich schnurstracks in das Lager der Falken. Denn derzeit dämpft der starke Euro die Ölrechnung in Euro-Land. Außerdem werden die Unternehmen durch die strengeren Standards der Banken bei der Kreditvergabe gebremst und geben weniger Geld aus. Das heißt: Nach zwei Jahren mit kräftig steigenden Bruttoinvestitionen ist zumindest mit einer Pause zu rechnen.

Eine Zinssenkung in Europa steht bis Jahresende nur in einem Fall in den Karten: Wenn die Kreditkrise unvorhersehbare Ausmaße annimmt und ein Einbruch der Nachfrage zu befürchten ist. Zuvor wird die EZB lieber vorübergehend Liquidität in den Markt pumpen, um für eine Entspannung bei den Banken zu sorgen.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte

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