Facebook
Das Netz im Netz

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Da ist es wieder, das böse Wort: „Blase“. Mancher hat es gemurmelt, als bekanntgeworden ist, dass Microsoft sich beim Online-Netzwerk Facebook beteiligen will – und es auf einen irrwitzigen Gesamtwert von bis zu 15 Milliarden Dollar taxiert. Angeblich steht auch Google in Verhandlungen, den Preis senken wird das nicht.

Die Interessenten eint eine strategische Überlegung: Wer immer sich einen Anteil an Facebook sichert, markiert das Unternehmen als sein Revier. Würde Google investieren, wäre es wohl vorbei mit der Werbepartnerschaft, die Microsoft noch zu einem Schnäppchenpreis erhielt. Bekäme der Windows-Konzern einen Fuß in die Tür, gewänne er schlagartig gegenüber Google einen Vorsprung im Markt der sozialen Netzwerke.

In den Markt für Social Networks wollen alle. Er ist das Heißeste, was die Internetwirtschaft derzeit zu bieten hat. Vor allem, weil die Netzwerke real wachsen und nicht allein von wolkigen Zukunftsaussichten leben. Ihr Erfolg zeigt, dass eine steigende Zahl von Menschen sich im Internet immer wohler fühlt und sicherer wird im Umgang mit Technik.

Die Netzwerke stillen zwei Bedürfnisse. Einerseits wollen die Nutzer eine Art digitales Wohnzimmer errichten als Anlaufstelle für all jene, die mit ihnen kommunizieren möchten. Andererseits wünschen sie sich einen Ort, an dem sie das Maß der Kommunikation bestimmen – und an dem sie frei sind von unerwünschten Werbemails und dem ständigen Springen von Angebot zu Angebot.

Für Jugendliche ist es heute ganz normal, dass sie eine Seite auf Myspace besitzen. Die gestalten sie so, wie es ihnen gefällt. Was einst die Poster im Jugendzimmer, ist heute der Hintergrund des Myspace-Profils. Was in den 80ern die Buttons an der Jeansjacke, sind heute die Bands, die als Freunde bei Myspace angeklickt werden können. Auf dem Schulhof bildeten sich früher selten Freundschaften zwischen föhngewellten Poppern und langhaarigen Heavy-Metal-Fans – nicht anders ist das nun im Netz.Und das Internet ist nichts anderes als ein Mittel, um Freundschaften zu schließen. Oder besser: um zu kommunizieren und damit das ureigenste menschliche Bedürfnis zu stillen. Doch war der eigene Kosmos früher beschränkt auf die heimische Stadt und alle paar Wochen eintreffende Schreiben von Brieffreunden, so setzt heute nur die chinesische Internet-Zensur die Grenze. Myspace und Facebook erlauben das Kontaktieren, Kommunizieren und Vernetzen rund um den Globus – das ist ein gewaltiger Reiz. Gleichzeitig wohnt dieser Offenheit eine Begrenzung inne. Denn die Nutzer definieren nicht nur, wie viel andere über sie erfahren dürfen – sie entscheiden auch, wer mit ihnen reden darf. Unerwünschte Werbe-E-Mails sind deshalb die Ausnahme, Betrug ist äußerst schwer.

Dabei geht Facebook in seiner Verschwiegenheit weiter als viele Konkurrenten. Mehr als Name, Foto und Region eines Mitglieds ist zunächst nicht zu bekommen. Erst wenn der andere die Kontaktaufnahme bestätigt, ist mehr zu sehen – und selbst dann ist es noch möglich abzustufen, wer wie viel erfahren darf. Dass es Facebook trotzdem gelungen ist, 40 Millionen Mitglieder anzulocken, macht die Seite wertvoll. Denn bisher war die gängige Meinung: Je weniger auf den Profilen anderer zu sehen ist, desto geringer die Lust, selbst Mitglied zu werden.

In der angelsächsischen Welt ist Facebook auf vielen Computern präsent. Die Seite läuft ständig im Hintergrund mit, sie ist eine Art zweites Betriebssystem, der Filter gegen die Informationsflut.Die lange Verweildauer könnte bald schon die Bilanz polieren. Jüngst hat mit Nielsen Netratings einer der wichtigsten Marktforscher im Web ebenjene Zeit, die Nutzer auf einer Seite verbringen, zum entscheidenden Maßstab für Onlinewerbung erkoren. Somit kann höhere Werbepreise verlangen, wer seine Nutzer länger fesselt.

Ob das eine Bewertung von bis zu 15 Milliarden Dollar wert ist? Schwer zu sagen. Als Rupert Murdoch Myspace für 580 Millionen Dollar kaufte, hielten das viele für Wahnsinn – heute hat sich das Geschäft bereits amortisiert. Als Google die Videoplattform Youtube für 1,65 Milliarden Dollar erwarb, klangen die Kritiker ähnlich – und behielten bisher recht. Der Internetmarkt ist noch immer ein Wilder Westen, in dem jedes Duell Sieg oder Niederlage bringt.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter

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