Familienpolitik: Die Feiglinge

Familienpolitik
Die Feiglinge

Es ist wie immer: An der Familienfront kämpft die Mutter allein. Kind und Kegel sind Frauensache. Dieser Eindruck drängt sich angesichts der jüngsten Debatte über Kinderbetreuung und Krippenplätze einmal mehr auf.

Die familienpolitische Diskussion leidet an der totalen Abwesenheit von Vätern. Allein Frauen stehen im Fokus der Aufmerksamkeit. Und diese müssen sich dafür rechtfertigen, dass sie auch als Mutter erwerbstätig sein möchten. Demgegenüber verlangt von Männern niemand Rechenschaft darüber, warum sie sich nur unzureichend in die heimische Arbeitsteilung einbringen. Welcher Y-Chromosom-Träger sollte auch ein Interesse daran haben? Immer schön in Deckung bleiben, wenn es ungemütlich wird. Denn sonst reicht es nämlich bald nicht mehr aus, dem schlafenden Töchterchen einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn zu drücken, alle zwei Tage den Müll zu entsorgen und anschließend laut über Abgespanntheit zu klagen.

Eine nennenswerte Entlastung der Mutter bei Versorgungs- und Haushaltsaufgaben findet nur statt, wo Männer ihre Arbeitszeit reduzieren“, heißt es in einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums. Das aber ist nach wie vor die Ausnahme. Die Angst vor dem Verlust gesellschaftlicher Anerkennung ist zu groß. Dies gilt vor allem für Männer mit höherer beruflicher Qualifikation.Fast jeder zweite Vater gibt dies einer Allensbach-Umfrage zufolge zu. Weichei? Warmduscher? Wattebausch? Untersuchungen, die belegen, dass auch Männer ohne nennenswerte Probleme die „Mutterrolle“ ausfüllen können, gibt es massenweise. Beziehungsforscher weisen hinlänglich darauf hin, dass es im Leben von Babys und kleinen Kindern auf eine feste Bezugsperson ankommt und eben nicht auf das Geschlecht derselben. Doch bis zu den meisten, leider auch einflussreichen, Männern ist das noch nicht durchgesickert.

So dürfen in einschlägigen Fernsehsendungen nicht nur Bischöfe, sondern auch Unternehmer darüber schwadronieren, dass es für die kindliche Entwicklung nichts Besseres geben würde als eine Mutter, die tagaus, tagein Gewehr bei Fuß steht. Womöglich bis zur Selbstverleugnung? Derselbe Unternehmer muss später einräumen, seine beiden Kinder noch vor der Pubertät in ein Internat abgeschoben zu haben. Schließlich wollte er ihnen doch diese einmalige Chance geben. Wenn also Babys und Kleinkinder zumindest noch die Nestwärme der Mutter benötigen, brauchen sie kaum zehn Jahre später nicht einmal mehr das. Geschweige denn väterliche Anteilnahme. So viel sich selbst entlarvende Scheinheiligkeit gibt es leider nicht selten. Wo leben denn diese Wortmelder eigentlich? Und warum setzen sie überhaupt Kinder in die Welt? Als Mittel zur Repression?

Nicht das Mutterbild muss sich hier zu Lande wandeln, sondern das Vater-, mithin das Mannsbild. Solange Männer lieber mit ihrem Blackberry spielen und sich an ihrem Arbeitsplatz für unabkömmlich halten, anstatt sich mit frühkindlichen Entwicklungsstadien zu befassen, ist jede auf mehr Familienfreundlichkeit ausgerichtete Politik nur eines: ein schöner Schein. Warum aber bleiben Männer der Heimstätte fern? Warum widmen sie ihren Kindern nicht mehr Zeit? Die Antwort ist einfach: Es ist eben bequem. Im Job sind Rollenmuster klar umrissen, die Erwartungshaltungen sind bekannt. Wer indes das Büro mit dem Familiendomizil tauscht, sieht sich selbst, seine Rolle, den Mythos Mann in Frage gestellt. Familiäre Kompetenzen gelten als unmännlich. Das ist eine Herausforderung für jedes Ego.

Nur ein Bruchteil der Männer nimmt sie an. Bislang teilt nicht einmal jeder zwanzigste Vater die Elternzeit mit seiner Partnerin. Und kaum ein halbes Prozent des vermeintlich starken Geschlechts traut sich bei uns in Vollzeit an Herd und Wickeltisch. Und was noch trauriger ist:Jeder vierte junge Mann verzichtet heute auf Kinder. Der Anteil jener, die sich eine Familie wünschen, sinkt beständig – seit Anfang der 90er-Jahre bereits um rund 16 Prozent. Deutschland, deine Männer: zeugungsunwillig und feige. Dafür müssen sie sich rechtfertigen.

Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
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