Fed-Chef deutet Zinssenkung an
Kommentar: Der Schein trügt

Nach Donald Kohn hat nun auch US-Notenbank-Chef Ben Bernanke höchstpersönlich die Tür für eine weitere Zinssenkung Mitte Dezember geöffnet. Damit vollziehen die beiden Männer mit dem größten Einfluss innerhalb der Federal Reserve innerhalb von nur vier Wochen einen beachtlichen Sinneswandel.
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NEW YORK. Hieß es nach der letzten Zinssenkung Ende Oktober noch, die Risiken für Wachstum und Konjunktur seien ausgeglichen, ist davon jetzt mit keinem Wort mehr die Rede. Angesichts der Krisensignale aus der Wirtschaft haben die Notenbanker offenbar kalte Füße bekommen. Die Äußerungen von Bernanke sind ein deutlicher Beleg dafür, dass auch er eine Rezessi-on in Amerika nicht mehr ausschließen will.

Bernanke spricht zwar noch davon, dass die Notenbank die Wachstums- und Inflationsrisiken neu abwägen müsse. Es ist jedoch bereits absehbar, dass die Fed der taumelnden Wirtschaft erneut mit einer Zinssenkung zur Hilfe eilen wird. Blickt man nur auf die Krisensignale der letzten Wochen, ist das Einlenken der Notenbanker durchaus verständlich. Ob Konsumklima, Auftragseingänge oder Hauspreise – nahezu alle Trends zeigen nach unten. Da geht selbst der überraschend gute Start des Weihnachtsgeschäfts im Krisengeheul der Märkte unter.

Die Fed hat jedoch ein doppeltes Mandat und muss sich neben dem Wachstum auch um die Preisstabilität sorgen. Im Gegensatz zu den offen erkennbaren Wachstumsrisiken sind die Inflationsgefahren jedoch tückisch. Sie sind versteckt in hohen Energie- und Lebensmittelpreisen, in einem schwachen Dollar und steigenden Rohstoffkosten. Die schleichenden Auswirkungen allgemeiner Preissteigerungen machen sich zudem erst allmählich in der Wirtschaft bemerkbar. Dafür sind sie um so schwerer zu bändigen.

Außerdem sollten Bernanke & Co. im Kopf behalten, dass die drohende Rezession die Folge eines Immobilienbooms ist, der von der Fed mit einer Politik des billigen Geldes kräftig angefeuert wurde. Wer jetzt den Geldhahn erneut voll aufdreht, würde nicht nur die notwendige Marktkorrektur hinauszögern, sondern womöglich auch der nächsten Spekulationsblase den Boden bereiten. Zur Erinnerung: nach dem Platzen der Technologieblase im Jahr 2000 sorgte die Fed mit kräftigen Zinssenkungen dafür, dass die Rezession sehr milde ausfiel.

Zugleich legte sie mit ihrer lockeren Geldpolitik jedoch den Keim für den folgende Immobilienboom. So gesehen ist der Fall für eine Zinssenkung Mitte Dezember gar nicht so klar, wie es im Moment erscheint. Zumal es höchst fraglich ist, ob niedrigere Leitzinsen überhaupt das geeignete Mittel sind, um die Vertrauenskrise auf den Kreditmärkten zu beenden.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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