Fed-Zinsentscheidung
Wunder mit Verfallsdatum

Man stelle sich vor: Die Wirtschaft in der Euro-Zone wächst um mehr als acht Prozent, und die Arbeitslosigkeit sinkt unter sechs Prozent. Im Eurotower in Frankfurt würden vermutlich alle Alarmglocken läuten und vor einem Inflationsschub warnen.

Man stelle sich vor: Die Wirtschaft in der Euro-Zone wächst um mehr als acht Prozent, und die Arbeitslosigkeit sinkt unter sechs Prozent. Im Eurotower in Frankfurt würden vermutlich alle Alarmglocken läuten und vor einem Inflationsschub warnen. Eine kräftige Zinserhöhung durch die EZB wäre so sicher wie das Amen in der Kirche.

Man könnte den Währungshütern nicht mal einen Vorwurf machen. Entspricht es doch dem ökonomischen Lehrbuch und der Erfahrung, dass hohes Wachstum und niedrige Arbeitslosigkeit den Keim der Inflation bergen. Ganz anders sieht man es in Amerika, wo die Notenbank Federal Reserve (Fed) trotz der durchstartenden Konjunktur auch heute keine Anstalten machen wird, den Zinssatz von einem Prozent in absehbarer Zeit anzuheben.

Sie fürchtet keinen Inflationsschub, sondern einen weiteren Rückgang der Preise. Sind Notenbank- Chef Alan Greenspan und seine Kollegen übergeschnappt, oder gelten in Amerika die Gesetze der Ökonomie nicht mehr?

Greenspan hat nichts von seiner Urteilskraft eingebüßt. Amerika befindet sich tatsächlich in der einzigartigen Situation, dass die herkömmlichen Gesetze der Wirtschaft für begrenzte Zeit außer Kraft gesetzt scheinen. Vollbracht hat dieses Wunder die totgesagte „New Economy“. Die hohen Investitionen in neue Technologien während der 90er-Jahre zeigen erst jetzt ihre produktivitätssteigernde Wirkung. Die Wirtschaft in den USA hat ihre Effizienz in den drei Monaten bis September stärker erhöht als die der Euro-Zone während des ganzen Jahres. Arbeitet die Wirtschaft produktiver, sinkt aber die Gefahr, dass es wegen Kapazitätsengpässen zu Preissteigerungen kommt.

Der starke Produktivitätsschub und die Tatsache, dass die Fabriken in den USA nach den Überinvestitionen des letzten Jahrzehnts nur zu drei viertel ausgelastet sind, halten die Inflation nicht nur in Schach, sondern drücken sogar die Preise für viele Produkte. Greenspan ist so sehr von dem Paradigmenwechsel in der US-Wirtschaft überzeugt, dass er auf eine vorbeugende Inflationsbekämpfung verzichtet. Das Wunder hat nur einen Makel: Es ist nicht von Dauer. Hält das starke Wachstum an, werden auch in den USA die Wirtschaftsgesetze wieder greifen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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