Fernseh-Streitgespräch Schröder/Merkel
Angie & Gerd auf allen Kanälen

Fernsehdeutschland erlebte am Sonntagabend einen bizarren Höhepunkt: Vier Sender, zwei davon gebührenfinanziert, übertrugen das TV-Duell und damit das Gleiche. Unmittelbar danach schlägt die Stunde der Deuter: Wer hat sich besser geschlagen? Fragt sich nur: Wer will das wissen? Eine Analyse.

HB BERLIN. Eine "Rekordkulisse", vermeldete die Nachrichtenagentur dpa am Montagmittag unter Berufung auf Media Control, habe das Streitgespräch von Kanzler Gerhard Schröder und seiner Herausforderin Angela Merkel gehabt: 20,97 Millionen Menschen hätten sich die Übertragung angesehen, mehr als jede andere Sendung im deutschen Fernsehen im laufenden Jahr. Das Ergebnis nimmt nicht Wunder, gab es doch zwischen 20.30 Uhr und 22.05 Uhr auf ARD, ZDF, RTL und Sat 1 nichts anderes zu sehen.

Media Control hat noch weitere Zahlen auf Lager: Im Westen hätten sich die Zuschauer das Duell vor allem bei ARD und ZDF angesehen, im Osten vor allem bei den Privaten. Bei den jüngeren Zuschauern habe die ARD die besseren Karten gehabt, die Erstwähler hätten vor allem RTL eingeschaltet. Die besser Gebildeten hätten ebenso wie die besser Verdienenden die Öffentlich-Rechtlichen bevorzugt.

Die Daten, die von dem Meinungsforschungsinstitut gesammelt wurden, lassen den Betrachter hilflos zurück: Trauen die Schlauen und finanziell Gepolsterten dem Fernseh-Einspeisungssignal der Privaten nicht über den Weg? Haben Ossis RTL auf dem ersten Programmplatz eingestellt und der Bequemlichkeit halber nicht umgeschaltet?

Je länger das Seh-Erlebnis vom Sonntag sackt, desto mehr Rätsel tun sich auf: Sind die Filme-Lager der Sender so leer, dass sie uns die volle Ladung Angie-&-Gerd-Show geben mussten? Oder traute sich keiner der Programmverantwortlichen, mit der 47. Wiederholung des James-Bond-Streifens "Goldfinger" Quote zu machen - weil er hernach als Vaterlandsverräter gegolten hätte? Wenn dem so ist - warum hat dann nicht wenigstens einer der vier Sender eine Dokumentation über das Liebesleben der Westafrikanischen Giraffe ausgestrahlt?

Egal, es ist vorbei, nun schlägt die Stunde derer, die den verbalen Schlagabtausch drehen und wenden, deuten und hinterfragen. Gerne parteilich, natürlich. Der hessische CDU-Ministerpräsident Roland Koch meldet aus Wiesbaden: "Ab jetzt ist klar: Das ist gleiche Augenhöhe." FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt meint, Merkel sei "überraschend gut" gewesen. Was haben die Herren erwartet? Dass da eine Frau, die sich in der Männerveranstaltung CDU nach oben geboxt hat, nur daherstammelt, alle einstudierten Argumente vergisst und artig zum Medienkanzler aufschaut?

Die Reaktion der Gegenseite ist nicht besser. Der SPD-Parteivorstand erfreut die Öffentlichkeit mit der Mitteilung, die Schauspielerin Esther Schweins sei "sehr zufrieden mit dem Kanzler". O-Ton Schweins weiter: "Es war für mich ein wohltuender Eindruck, dass der Kanzler mitten in dem steht, worüber er spricht. Frau Merkel hingegen hantierte mit nebulösen Zahlenkolonnen und Statistiken. Schröder stellte dagegen Erfahrungswerte."

Der Worte sind genug gewechselt. Um es mit Joschka Fischer zu sagen: "Die Deutschen wollen jetzt wählen".

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