Film
Im Schatten der Bären

Der Glamour der Berlinale verdrängt nur kurz die Zukunftssorgen der Filmbranche. Die Krise ist längst in Hollywood angekommen. Die Nervosität bei den großen Studios wächst.

BERLIN. Die Freude der peruanischen Regisseurin Claudia Llosa über den Goldenen Bären der 59. Berlinale für ihr stilles, nachdenkliches Bürgerkriegsdrama "La Teta Asustada" war überwältigend. Die gerade 32 Jahre alte Nichte des in London lebenden Bestsellerautors Mario Vargas Llosa konnte es kaum fassen, gleich im ersten Anlauf eine der begehrtesten Trophäen der internationalen Filmbranche in den Händen zu halten.

Mit der Auszeichnung hat die Jury unter Leitung der charismatischen Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton eine richtige, aber auch berechenbare Entscheidung getroffen. Der erschütternde Spielfilm, der im Deutschen den falsch übersetzten Titel "Die Milch des Leids" trägt, erzählt die Geschichte einer Tochter, deren Mutter im Bürgerkrieg zwischen rechten Regierungsgruppen und linken Guerilleros vergewaltigt wird. Die Regisseurin ist wie die meisten Peruaner zutiefst überzeugt, dass das unglaubliche Leid über die Muttermilch an die nächste Generation weitergegeben wird.

Mit dem Goldenen Bären für Claudia Llosa unterstrich die Berlinale einmal wieder ihren politischen Anspruch. Dass bei der Bärenjagd gerade Länder zum Zuge kommen, die ansonsten im globalen Filmgeschäft unbeachtet bleiben, ehrt die Jury der Filmfestspiele. Denn dadurch lenkt die Berlinale die internationale Aufmerksamkeit auf ein tabuisiertes Thema. Mit der eindrucksvollen Hauptdarstellerin Magaly Solier haben die Opfer von Terror und Gewalt in diesem lateinamerikanischen Land ein Gesicht bekommen.

Mit einem Publikumstag ist die 59. Berlinale gestern wie erwartet überaus harmonisch zu Ende gegangen. Schauspieler und Politiker auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast am Potsdamer Platz präsentierten sich mit glücklichen Gesichtern. Doch der Glamour der Berlinale kann die Zukunftssorgen der Branche nur kurz verdrängen. Denn der Film ist ein mit vielen Risiken behaftetes Geschäft. Gerade in Zeiten einer globalen Finanzkrise sind Kredite für Projekte abseits des Mainstreams nur schwer zu bekommen. Auch die Verleiher werden in Zeiten der Rezession vorsichtiger. Sie gehen auf Nummer sicher: Große Namen und verlässliche Geschichten heißt die Losung in diesen Krisenzeiten.

Seit Jahren versucht die Berlinale den Spagat zwischen einem künstlerischen Festival und einem internationalen Messeplatz. Von den meisten Kinofans beinahe unbemerkt hat sich parallel zur Berlinale unter dem Namen "European Film Market" eine internationale Rechtemesse etabliert. Sie gilt neben Cannes und Los Angeles als das wichtigste Barometer in der Branche. In diesem Jahr war die Stimmung durchwachsen. Die großen Bieterschlachten der internationalen Verleiher sind ausgeblieben. Niemand will in unsicheren Zeiten zu sehr ins Risiko gehen.

Die abnehmende Experimentierfreudigkeit der Marktteilnehmer wird für den Filmmarkt in den nächsten Jahren schwerwiegende Folgen haben. Denn gerade künstlerisch anspruchsvolle Projekte werden es noch schwerer haben, überhaupt ins Kino zu gelangen. Da wird auch Claudia Llosa mit ihrem Goldenen Bären für "La Teta Asustada" international keine Ausnahme machen.

Auszeichnungen auf Filmfestivals in Europa sind eben noch lange keine Garantie für den wirtschaftlichen Erfolg. Und komplizierte politische Stoffe waren schon immer Gift an der Kinokasse. Schon heute produziert die Branche an den Bedürfnissen des Marktes vorbei. Allein auf der Berlinale waren 383 Filme zu sehen. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr liefen gerade 471 Filme überhaupt in deutschen Kinos an.

Die Krise ist längst in Hollywood angekommen. Die Nervosität bei den großen Studios wächst. Zuletzt hatten alle großen Medienkonzerne miserable Zahlen vorgelegt: von News Corp. (Fox) über Time Warner (Warner Bros.) und Viacom (Paramount) bis hin zu NBC Universal. Das finanziell angeschlagene Filmstudio Dreamworks des Regisseurs Steven Spielberg ("Schindlers Liste") wurde von seinem Verleiher Universal fallengelassen und begibt sich nun unter die Fittiche von Disney. Der Micky-Maus-Konzern wird künftig Dreamworks-Filme ("Shrek") weltweit in die Kinos bringen. Auch das bislang so einträgliche DVD-Geschäft gerät ins Stocken. In Deutschland sank im vergangenen Jahr der Umsatz, obwohl die Zahl der verkauften Silberscheiben nahezu konstant geblieben ist. Der Preiskampf ist eben brutal. Auch neue Technologien wie die hochauflösende Blu-Ray-DVD konnten den Umsatzeinbruch nicht kompensieren.

Abseits der roten Teppiche der Berlinale gibt es angesichts der düsteren Konjunktur immer mehr Gesichter mit Sorgenfalten. Noch hat die Krise die hochsubventionierte deutsche Filmbranche nicht erfasst. Schließlich ist die Branche über die unübersehbare Zahl von regionalen Filmförderungen indirekt bereits teilverstaatlicht. Unablässig schicken Hochschulen noch mehr Regisseure und Produzenten in einen Markt, der allmählich an seine Grenze stößt.

Noch wächst die Zahl der Filme weiter. An jedem zweiten Tag des Jahres gab es einen Filmstart aus einheimischer Produktion. Im vergangenen Jahr waren es 185 Streifen aus deutschen Landen. Nur ein Bruchteil davon schafft es in die deutschen Kinos. Das kann selbst ein stabiler Kinomarkt auf Dauer wirtschaftlich nicht verkraften. Eine Marktbereinigung ist daher unausweichlich. Eine solch schmerzliche Erkenntnis lässt sich trotz einer ansonsten glanzvollen Berlinale nicht vermeiden.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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