Finanzaufsicht
Die Chance

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Der Zusammenbruch und Notverkauf der Investmentbank Bear Stearns reiht sich in die Serie großer Finanzkrisen ein: das Debakel am Markt für Commercial Paper 1970, die Schuldenkrisen von Lateinamerika bis Asien in den 1980er-Jahren, die Rettungsaktion für den Hedge-Fonds Long-Term-Capital Management 1998.

Seit am 8. März 2007 die kalifornische Hypothekenbank New Century Financial wegen zu hoher Ausfälle bei Hypothekendarlehn mit niedriger Bonität in Schwierigkeiten geriet, schwelt die heutige Krise am US-Markt. Damals schon hätten bei den Behörden die Alarmglocken klingeln sollen. In der einen oder anderen Weise zuständig sind viele Stellen – vielleicht zu viele, unter anderem die Notenbank (Fed), die Börsen- und Wertpapieraufsicht (SEC) und die Einlagenversicherung Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC). Der Fairness halber sei erwähnt: Die FDIC hat, darauf verweisen die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF), seit 2002 tapfer versucht, über schärfere Regulierungen die bei der Verbriefung von Hypotheken mit niedriger Bonität (subprime) einreißende Fehlentwicklung in den USA abzuwenden. Ohne politische Unterstützung blieb sie aber machtlos.

Aus deutscher und europäischer Sicht mögen manche den Fall von Bear Stearns als Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit betrachten nach dem Motto: Nun hat eine ganz große US-Investmentbank die Folgen einer Vertrauenskrise zu tragen, die sie selbst in ihrer Gier mit verursacht hat. Die Manager von Bear Stearns, die letztes Jahr brutal zwei Hedge-Fonds im Volumen von 20 Milliarden Dollar schlossen, sind mit ihren Geschäftspartnern ja auch nicht rücksichtsvoll umgegangen.

Und obwohl sie für die 14000 Beschäftigten des Traditionshauses Bear Stearns eine persönliche Katastrophe darstellt, hat die Zuspitzung der Krise auch positive Seiten. Denn es sieht so aus, dass nun auch in den USA die Verantwortlichen Lehren aus der Krise ziehen. Der drohende Flächenbrand im Weltfinanzsystem hat die Notenbank und die Bush-Regierung gezwungen, die Spielregeln zu ändern. Die Fed wird bei Bedarf auch die von ihr nicht regulierten Investmenthäuser ans „Diskontfenster“ lassen, ihnen also Geld leihen. Zuvor war das nur für die Geschäftsbanken möglich. Dafür müssen die „I-Banken“ der Wall Street aber aller Voraussicht nach einen Preis zahlen: Künftig werden sie ähnlich streng beaufsichtigt wie die Geschäftsbanken. Schlagzeilen wie „I-Banken am Fenster, Kongress vor den Toren“ signalisieren: Nach dem Debakel bei Bear Stearns steht der US-Kongress unter massivem Druck, die Lücken in der Finanzaufsicht zu schließen. Einflussreiche Ausschussvorsitzende, so Senator Charles Schumer von New York, fordern bereits eine „Konsolidierung der Finanzmarktaufsicht für Finanzdienstleistungsunternehmen“. Wie dringend eine Reform der fragmentierten US-Aufsicht ist, hat Tim Geithner, Präsident der New Yorker Fed, jüngst in selten deutlichen Worten angesprochen. Amerikas Finanzaufsicht habe sich zu einem „unausgewogenen, komplexen Regelwerk mit erheblichen Anreizen zur Regulierungsarbitrage, mit großen Lücken der Aufsichtsabdeckung, bedeutenden Ineffizienzen und Unterschieden in der Aufsichtsdichte, vor allem mit großen Diskrepanzen in der Beaufsichtigung vergleichbarer ökonomischer Aktivitäten entwickelt“.

US-Finanzminister Henry Paulson hat am Vorabend des Notverkaufs von Bear Stearns bereits ein Vierzig-Punkte-Programm präsentiert. Auf der Reformagenda des früheren Goldman-Sachs-Chefs stehen unter anderem die Bewertungs- und Eigenkapitalregeln, eine bessere Regulierung der Verpackung, Verbriefung und des Vertriebs strukturierter Produkte, sowie neue Spielregeln für die Ratingagenturen.

Dass der US-Finanzminister im Schulterschluss mit der Fed in einer einmaligen Stützungsaktion die fünftgrößte US-Investmentbank nicht in die Insolvenz fallen ließ, zeigt Handlungsstärke. Diese Entschlossenheit müssen die Amerikaner nun auch in den internationalen Gremien für bessere Regeln am globalen Kapitalmarkt zur Geltung bringen. So ist wohl auch der Aufruf von Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank, zu einem stärkeren Engagement des Staates zu verstehen: Eine bessere internationale Kooperation von Regierungen, Notenbanken, Aufsehern und der Finanzbranche ist angesichts der heutigen Bedrohung besonders wichtig. Der Zeitpunkt, um endlich zu handeln, daher aber auch günstig.

Und in Europa sollten Notenbanken und Finanzminister ruhig mal überlegen, ob sie einen Riesen wie Bear Stearns mit einer Stützungsaktion von 30 Milliarden Dollar an einem Wochenende hätten auffangen können.

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