Finanzaufsicht: Die große Illusion

Finanzaufsicht
Die große Illusion

Wer meint, dass sich Finanzkrisen wegregulieren lassen, macht sich etwas vor.
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Rettet die Finanzmärkte! Mit diesem Schlachtruf ziehen Politiker rund um den Globus in den Kampf gegen die große Kreditkrise. Egal ob beim EU-Minigipfel in London in der vergangenen Woche oder beim anstehenden Treffen der wichtigsten acht Industriestaaten in Tokio: Überall und immer wieder ertönt derzeit der Ruf nach der harten regulatorischen Hand, die die fatalen Fehler von Bankern und Spekulanten korrigieren soll.

Für eine derart bedrohliche Krise, die im schlimmsten Fall die Industriestaaten in eine Rezession reißen könnte, muss es schließlich Schuldige geben. Es muss Fehler geben, die sich abstellen lassen, und es muss Reformen geben, die helfen, eine Wiederholung zu verhindern.

Wahrscheinlich ist eine solche Reaktion nur menschlich. Aber wer meint, dass sich Finanzkrisen einfach wegregulieren lassen, der erliegt einer gefährlichen Illusion.

Natürlich gibt es Reparaturbedarf – sogar reichlich. Und natürlich funktionieren die Finanzmärkte alles andere als perfekt. Völlig zu Recht denken Europas Politiker über eine straffere, effizientere und hoffentlich am Ende sogar internationalere Bankenaufsicht nach. Und ebenfalls völlig zu Recht drohen die Aufseher damit, jene Ratingagenturen an die kurze Leine zu nehmen, die im großen Kreditmonopoly mit am Spieltisch saßen und gleichzeitig die Rolle des Schiedsrichters übernehmen wollten. Auch die Forderung nach mehr Transparenz in den Büchern der Banken macht nach dem Debakel mit außerbilanziellen Zweckgesellschaften sehr viel Sinn.

All diese Maßnahmen bekämpfen jedoch nur die Verwerfungen, die (hoffentlich) bereits zur Hälfte hinter uns liegen. Aber die nächste Krise kommt bestimmt. Und sie wird völlig neue Bedrohungen und Risiken mit sich bringen. Wer glaubt, dass sich künftige Krisen dank gründlicher Vorsorge schon heute verhindern lassen, der überschätzt die Macht der staatlichen Regulatoren und unterschätzt die Kreativität der Finanzmärkte.

Als Beweis für diese These reicht eine simple Erkenntnis: Es war schon immer so. Seit der berühmt-berüchtigten Tulpenmanie im Holland des 17. Jahrhunderts erschütterten mehr als 50 mehr oder minder schwere Krisen das Weltfinanzsystem. Und zumindest in der jüngeren Geschichte versuchten Politiker und Regulatoren, mit harten Reformen gegenzusteuern. Den vorerst letzten heroischen Versuch unternahmen die Vereinigten Staaten nach dem Platzen der Internetblase und einer Serie spektakulärer Bilanzskandale. Ehrgeizige Staatsanwälte überzogen die Investmentbanken mit einer Flut von Prozessen, und ein umfangreiches Gesetzespaket sollte das Vertrauen in die Finanzmärkte wieder herstellen. Derart streng waren die Kontrollvorschriften, dass schnell von Überregulierung die Rede war und New York seinen Rang als Nummer eins unter den Weltfinanzmetropolen an London verlor.

Aber auch die strikten US-Börsengesetze und die hohen Strafen gegen die Banken konnten die krassen und zumindest im Spätstadium nicht mehr zu übersehenden Übertreibungen am amerikanischen Immobilienmarkt nicht verhindern. Dabei herrschte an Warnern kein Mangel. Für Howard Davies, den Ex-Chef der britischen Finanzaufsicht, waren Kreditderivate, die im Zentrum der aktuellen Krise stehen, bereits 2004 schlicht „Giftmüll“. Jochen Sanio, oberster deutscher Finanzaufseher, warnte bereits 2005, die Frage sei nicht, ob Hedge-Fonds ein Desaster an den Finanzmärkten anrichten würden, sondern nur wann. Es gibt nur ein Problem mit diesen Warnungen: Davies behielt zwar recht. Sanios Hedge-Fonds-Desaster lässt dagegen nach wie vor auf sich warten, trotz Kreditkrise schlagen sich die spekulativen Fonds bislang recht tapfer. Ein Beleg dafür, dass Krisen zwar oft im Voraus zu spüren, aber kaum präzise zu erkennen sind.

In diesen Zusammenhang gehört auch die Frage: Lassen sich gefährliche Blasen an den Finanzmärkten erkennen, bevor sie platzen? Alan Greenspan, der Ex-Chef der US-Notenbank Fed meint nein. Niemand könne den Punkt bestimmen, an dem aus einem Boom eine Übertreibung werde. Natürlich betreibt Greenspan hier auch Vergangenheitsbewältigung, aber es spricht doch einiges dafür, dass der Notenbank-Veteran recht hat. Zumindest fällt es schwer zu glauben, dass ausgerechnet staatliche Regulierer in der Lage sein könnten, die kaum zu entscheidende Frage nach Boom oder Überhitzung zu beantworten.

Natürlich muss nach jeder Krise eine neue Balance zwischen dem freien Spiel der Märkte und verbindlichen Regeln gefunden werden. Aber siegt der Glaube an die Allmacht der Regulierer, dann verliert das Finanzsystem mehr an Flexibilität und Innovationskraft, als es an Stabilität gewinnt. Und mit trügerischer Scheinsicherheit ist niemandem gedient.

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