Finanzbranche
Der Kater nach dem Rausch

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Jahrelang schien die Finanzwelt aus lauter Genies zu bestehen. Überall schossen Hedge-Fonds und Private-Equity-Unternehmen aus dem Boden und verwandelten alles, was sie anfassten, in Gold. Die neuen Wunderkinder wurden schnell zu Lieblingskunden der Finanzbranche – sie sorgten für Beratungsaufträge, Börsenumsätze und ganz neue Dimensionen im Kreditgeschäft. Von diesem Boom hat die Branche weltweit gelebt, er hielt New York in Fahrt, verhalf London zu märchenhaftem Reichtum, und in Frankfurt lebte auch eine Menge Leute sehr gut damit.

Alles vorbei? Plötzlich werden fast stündlich Verluste und Schieflagen bekannt. Der Boom, so scheint es jetzt, lief wie der Einkauf auf Kreditkarte: Konsumiert wird heute, die Rechnung kommt später. Bei vielen waghalsigen Finanzkonstruktionen stellt sich erst nach und nach heraus, dass sie nichts mehr wert sind.

Zwei Fragen stellen sich nun. Erstens: Wie nachhaltig sind die Gewinne der Finanzbranche? Und zweitens, noch drängender: Wie stabil ist das Finanzsystem?

Die Boomzeiten waren durch ein eigenartiges Phänomen gekennzeichnet. Sehr viele „Player“ machten ihr Geld mit Wetten auf bestimmte Markttrends. Normalerweise gibt es bei einer Wette immer einen Gewinner und einen Verlierer. Diese Symmetrie schien außer Kraft gesetzt: Fast alle standen auf der richtigen Seite.

Möglich war das wahrscheinlich aus zwei Gründen. Erstens floss immer mehr Liquidität in die Finanzmärkte. Und zweitens gab es eine Menge Wetten, bei denen der Gewinn gleich realisiert wurde und der Verlust erst einmal verborgen blieb. Beide Gründe gelten nicht mehr. Die Notenbanken haben die Zügel angezogen, der Zufluss an Geld ins System wird gebremst. Und die leise Panik an den Finanzmärkten führt gerade dazu, dass die untergetauchten Verluste an die Oberfläche kommen.

Fazit: In Zukunft dürfte es schwieriger sein, Geld zu verdienen – für die Wunderkinder des Finanzmarktes und damit auch für die Banken, deren Kunden sie sind. Dazu kommt, dass auch das Privatkundengeschäft schlechter läuft, wenn die Börse aus der Spur gerät. Allenfalls im klassischen Zinsgeschäft könnte das Leben wieder leichter werden, wenn die Sätze sich auf etwas höherem Niveau stabilisieren. Alles in allem gilt aber: Wenn etwa die Deutsche Bank ihr heutiges sehr hohes Ertragsniveau auf Dauer halten sollte, wäre das schon eine enorme Leistung. Ähnlich bei den Versicherern: Zwar sind sie meist nur mit kleinen Prozentsätzen in „alternativen“ Anlagen, also bei Hedge- oder Private-Equity-Fonds, engagiert. Aber sie spüren auch sehr direkt, wenn die Kapitalmärkte nur noch holprig laufen.

Noch drängender ist die Frage: Wie stabil ist das Finanzsystem? Zurzeit sind Teilmärkte – etwa der für Kreditrisiken von Unternehmen – in Gefahr auszutrocknen: Niemand will mehr kaufen, deswegen kann keiner mehr verkaufen. In der ganzen Breite bedrohlich wird das aber erst, wenn die Kreditklemme auf den traditionellen Markt durchschlägt – also wenn die Banken für Firmenkunden kein Geld mehr herausrücken, weil sie das Risiko nicht mehr weiterplatzieren können. Genau diesen Punkt dürften die Notenbanken genau beobachten – und eingreifen, wenn sich hier die Lage zuspitzt.

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